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Der jüdische Student · 1923-11-01 · Heft 5 (November 1923) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
20 (1923)
Issue
Heft 5 (November 1923)
Date
1923-11-01
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
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143 fJuß auf die Charakterbildung: der Juden: die noch heute 'festzustellende Verbindung von Familiensinn, traditioneller Treue, Selbstgefühl usw, mit Händelsgeist, kaufmännisch er Gewandtheit, Mißtrauen und Rücksichtslosigkeit kann wohl, wie es auch vielfach geschieht, auf dieses soziale Doppelleben zurückgeführt werden.) : .-. •- - * - —- Die Auflösung des Ghetto, welche der rechtlichen Emanzipation iterJ Juden voranging und sie erst^möglicb -machte; vollzog sich als Folge'tieT Aufklärung, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Ideen, die von Frankreich nach Deutschland übergriffen, drangen auch in die Ghettogas* sen ein und erfaßten erst Einzelne; dann ganze Gruppen der hier lebenden Menschen. Es g:riff eine skeptische Haltung den bisher ais normal und notwendig erachteten Zuständen gegenüber um sich. Die Legitimität der traditionellen Ordnung begann zu schwinden. Dies gilt in gleicher Weist für die religiöse Tradition wie für die gesellschaftliche und kulturelle Sonderstellung. Die Idee der Menschenrechte weckte den Zweifel ah der bis-; her als gottgewollt hingenommenen Entrechtung.*); -f T>ie Annäherung der Juden an die Umwelt vollzog sich -auf dem Wege der~ Fühlungnahme zwischen einzelnen fortgeschrittenen Gelstern beider Lager. Als tvpischer Fall kann die Freundschaft zwischen Mendelsohn und Lessing angesehen werden.* Es war im Ghetto ebenso erforderlich Toleranz den Nicrrtjuden gegenüber zu predigen, wie in xier deutschen Oeffentlichkeit den Juden gegenüber.*) Die Vertreter der Idee der Judenemanzipation in beiden Lagern linderten Beseitigung der sozialen Duldung zugunsten sozialer Gleichberechtigung. Beseitigung der kulturellen _ und örtlichen Sonderexistenz der Juden zugunsten geistiger und räumlicher Einordnung in die umgebende Gesellschaft. „Die Schmach der Jüdischen Rechtslosigkeit fiel besonders im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts auL als sie sich in einen schroffen Widerspruch zu dem. kulturellen Er-- wachen der jüdischen Gesellschaft unter dem Einfluß der Aufklänmgsbewegung der Mendelsöhnschen Bewegung setzte. , . Die -deutsche Gesellschaft, die den Juden im allgemeinen verachtet, machte für einzelne Personen ejne Ausnähme. Ein gewisser Teil der Gesellschaft stand unter dem mächtigen humanisierenden Einfluß des im Jahre 1779 erschienenen .Nathan des Weisen4 . . . . Das . ."..Werk von Dohm ,Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden* (1781) brachte ebenfalls vielen die Ueberzeugung -bei, daß der Niedergang der jüdischen Masse und ihre soziale-Ent— leute und in der vorkapitalistischen Zeit die einzigen Kaufleute. Und in der Funktion des Kaufmanns waren sie .frei von den Banden des Gemeinschaftslebens4 . . .ki (Thoennies, „Gemeinschaft und Gesellschaft", S. 47) — „Der Handel ist in aller ursprünglichen, einheimisch sesshaften Kultur eine fremde und leichtverhaßte Erscheinung. Der Händler . . . stellt den 'entschiedenen Widerspruch gegen den . . Bauern wie auch gegen den". . . Bürger dar". Sein Verhältnis zu dem sesshaften Volk ist das „von einzelnen zerstreuten Fremden (obgleich sie in bezug auf sich selber eine Volksgemeinschaft haben mögen) zu einem wirklichen Volke . . (Thoennies, S. 136), s. auch SimmeL „Soziologie", S. 686. :i) Es ist für unsere Zwecke nicht erforderlich, hier zu untersuchen, ob bei dem Auflösungsprozeß des Ghetto die Rolle der Persönlichkeit Moses Mendelsohns oder anderer Einzelpersonen eine so entscheidende und ausschlaggebende gewesen ist, wie verschiedene Historiker (s. Grätz XI.) annehmen, oder ob die wirtschaftliche Entwicklung Westeuropas als einzige Ursache angesehen werden soll (s. Ruppin „Die Juden der Gegenwart", S. 66 ff.) oder ob schließlich eine wechselweise Wirkung dieser und-vielleicht noch anderer Motive stattgefunden hat. *) Von der Intoleranz des Ghetto gibt das Schicksal da Costas, Spinozas und anderer eine deutliche Vorstellung.. Zu Mendelsohns Zeit wurde eii junge- Mann, der Großvater des Bankier Bleichröder, wegen Ketzerei aus Berlin ausgewiesen, weil er bei der Lektüre eine deutschen Buches ertappt wurde (s. auch Jacob Fromer „Vom Ghetto zur modernen Kultur").

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