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Der jüdische Student · 1923-11-01 · Heft 5 (November 1923) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
20 (1923)
Issue
Heft 5 (November 1923)
Date
1923-11-01
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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•>/'- .. - Die Parteibestrebungen im deütschen Judentum. - 141 das ganze Trachten der Eltern darauf gerichtet den Söhnen eine möglichst tiefe Gelehrsamkeit in den rabbinischen Schriften zu übermitteln und in den Chedarim und Jeschiboth übermitteln zu lassen; in diesen Schuten yei- * brachten die Jünglinge einen großen Teil ihres Lebens, vielfachunter völliger Mißachtung der wirtschaftlichen Erfordernisse ihrer Existenz.^ * Letzter und höchster Ehrgelz*waf, ^Autorität in den talmudischen Wissen-V* schatten zu werden» auf deren Beherrschung alle persönliche Geltung bö* ruhte. Der Raw war ebenfalls seiner talmudischen Kenntnisse wegen angesehen; er war nicht, wie der Rabbiner der heutigen jüdischen Gemeinde in Deutschland, nur geistliches Oberhaupt und Beamter -der Gemeinde, sondern nahm eine mehr oder minder ausgeprägte Herrschaftsstellung im« gesamten sozialen Leben des Ghetto ein. Auch war sein Amt nicht bezahlt. Vor allem war es die juristische Entscheidung, welche ihm in allen Streitfällen besonders auch in Eherechtlichen, oblag — ebenfalls auf Grund : seiner talmudischen Autorität. _ - Das Ghetto hatte sein eigenes Recht: die „Halacha'*, das ist der jüristi- : sehe TeiJ des Talmud. Dieses Recht erfaßt sämtliche Gebiete des privatem und sozialen Lebens und greift durch^die Fülle seiner Beispiele an Streitfragen und Entscheidungen weit über den Rahmen einer formal-normativen Gesetzgebung hinaus. Es besaß auf Grund seines jreligiös traditionellen Charakters absolute Geltung: der halachische Schiedsspruch hatte die Bedeutung eines unumstößlichen, weil auf göttlicher Einsicht beruhenden Urteils. Nur aus dem Charakter des Ghetto als „Subjekt verbundener Wesenwiüe" ist diese absolute Geltung der Halacha abzuleiten, da irgendwelche physischen Machtmittel den Ghettoautoritäten nicht verliehen^ waren. Die praktische Anwendung dieses Rechts war ermöglicht durch eine weifgeheade Autonomie der jüdischen Gemeinden, die nicht etwa auitoleranter Gesinnung der öffentlichen Gewalten, sondern nur aus deren Erkenntnis von der Starke der Gemeinschaftsbildung der Judenheft erklärlich ist. Die Macht der Halacha und ihrer Autoritäten erstreckte sich über die ganze Judenheit, welche du. ch ein starkes Gern ein schaftsbewußtsein eng verbunden war. Verschiedenheiten in halachischen Fragen konnten oftmals eine interterritoriale Bewegung in der Judenheit auslösen. Das Bewußtsein der Gemeinschaft des Blutes, welche in der Idee des - auserwählten Volkes seinen stärksten Ausdruck fand, die Gemeinschaft des Ortes (Ghetto) und die Gemeinschaft des Geistes, a"uf gemeinsamer Sprache, dem Talmud, gemeinsamer Kultur überhaupt, vor allem aber auch auf der „Liebe zum Lande der Väter"1) beruhend, gaben der Ghettogemeinschaft ihr Gepräge. Es ist eine falsche Darstellung, wie sie sich in manchen Geschichtsbüchern und sehr vielen Parteibroschüren befindet, wenn die Existenz des Ghetto ausschiielich oder auch nur vorwiegend auf feindliche Gesetzgebung der öffentlichen Gewalten zurückgeführt wird. Wenn auch diese feindselige Haltung zur Stärkung des Nationalbewußtseins der Juden und ihrer Solidarität beigetragen hat, so geht doch aus "der ablehnenden der Ghettojuden gegen jede Befreiung (welche gleichzeitig eine innere Auflösung ihrer Gemeinschaft bedeutet hätte) hervor, daß das Ghetto eine dem „Wesenwillen' der jüdischen Gemeinschaft eine auf Artbewußtsein beruhende soziale Formung darstellt. Und es ist eben diese „Zähigkeit Israels4' ein sehr wesentlicher Grund der Feindschaft der Umwelt gewesen. Selbst da, wo durch den Austritt aus der Ghettogemeinschaft Ehre und Freiheit, materielle und bürgerliche Vorteile zu erlangen waren, -wo diese Vorteile direkt aufgedrängt wurden, hielt bis zur Auf- J) Diese Palästinaliebe, welche uns beim Zionismus wieder begegnen wird, war wesentlicher Gegenstand der täglichen und feiertäglichen Gebete und hat in den messianischen Bewegungen, vor allem dem Sabbataiismns, leidenschaftliche Ausbrüche erfahren. Es war, wie wir noch sehen werden, einer der Schritte der Assimilation, auf dem Wege der Religionsreform die nationalen, und vor allem die auf Palästina bezogenen Stellen aus den Gebeten zu entfernen.

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