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Der jüdische Student · 1923-11-01 · Heft 5 (November 1923) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
20 (1923)
Issue
Heft 5 (November 1923)
Date
1923-11-01
Page
[Seite] (sequence 16)
Language
German
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140 Kampf aller gegen alle ist daher die Beziehung'der binerisdischen Parteien in Deutschland zueinander- Der. durch die solchermaßen gekennzeichnete Lage der Judenheit in verschiedene Bahnen gedrängte Selbsterhaltungstrieb derselben zwang alle Parteien zur Ausarbeitung einer Theorie, welche die Existenz des Judentums sowohl von seinen Trägern selbst, als auch von seinen Gegnern rechtfertigen sollte. Nur der Glaube an eine Besonderheit, die_ zugleich < ein positiver Wert sein mußte, konnte das durch die unumgängliche Assimilation und den Antisemitismus erschwerte Streben zsacli Weitererhaltung, wie es sich als naturhafte Konsequenz aus dem mehr oder minder starken Artbewußtsein ergab, rechtfertigen und siM&en. Und so haben alle Parteien eine Ideologie entwickelt, welche den Vorzug des Judentums vor der Umwelt und ihrer Kultur darlegt. Die Orthodoxie erklart die Judenheit für eine GottesnationT der Liberalismus predigt die messianiscbe Aufgabe der Juden in der Zerstreuung, der Zionismus beruft sich auf die hohen kulturellen Aufgaben, die der jüdischen Nation infolge ihrer seelischen Veranlagung harren und denen zuliebe sie sich aus dem Exil befreien-müsse. Nur die „Nationaldeutschen Juden", eben jene Schicht, deren jüdisches Artbewußtsein nahezu vernichtet ist, hat keine derartige Lehre aufgestellt. Ein weiteres Charakteristikum der Jüdischen Parteien ist, daß -sie nicht' wirtschaftliche Gruppen sind, daß sich ihre Existenz weder programmatisch, noch realiter aus wirtschaftlichen Interessen ableitet. Die Juden in Deutschland gehören mit wenigen und für das Parteileben nicht in Betracht kommenden Ausnahmen einer wirtschaftlichen Klasse an, der Bourgeoisie. Sie verteilen sich innerhalb dieser Klasse über sämtliche Stufen, und alle die verschiedenen Typen, die aus solcher Verteilung entstehen, sind in den verschiedenen Parteien zu finden. Aach die revolutionäre Partei, der Zionismus, bei der man am ehesten vermalen könnte, daß sie eine Vertretung der minder gut gestellten Kreise sei, umfaßt eine'namhafte Reihe der allerwohlhabendsten Juden, wenn auch, besonders in der Anfangszeit, die jüdische Hoffinanz ihm gegenüber eine zurückhaltende Stellung eingenommen hat Es ist ja auch nicht einwirtschaftlicher Druck, der in Deutschland die „Jndennot" bedingt, sondern ein seelischer, durch soziale Anfeindung — Antisemitismus — und nationale Notlage— Assimilation —- hervorgerufen. Zur Ueberwindnng des Antisemitismus o'der zur Beseitigung der für die nationale Existenz bedrohlichen Lage sind die Parteien begründet. Und der Kampf zwischen den Parteien ist gerade deshalb ein so heftiger,. weil er bei dem.Fehlen der wirtschaftlichen Motive den Charakter eines reinen Ideenkampfes, eines Kampfes urn Weltanschauungenannimmt. Es seien im Folgenden die verschiedenen innerjüdischen Parteien und ihre Beziehung zueinander näher betrachtet . Die Auflösung* des Ghetto. Vor ihrer Emanzipation lebten die Juden ganz Europas in räumlicher Absonderung von der Umwelt in den Ghetti. Dieser räumlichen Absonderung entsprach eine soziale und kulturelle. Die ..politische und soziale Lage aller Gruppen des jüdischen Volkes" hatte „einen im allgemeinen gleichartigen Charakter'4 Die »uden bildeten „eine in sich geschlossene charakteristische Einheit von eigenartiger Gestaltuu; des Gemeinde- und Geisteslebens". (Dubnow, „Geschichte des jüdischen Volkes"' I, S. 7—9). Die Ghetti. jene muist von Mauern umgebenen, jedenfalls fest abgegrenzten Stadtteile, in welchen die Juden hausten, beherbergten ein ^Gemeirischaits"-Gebilde (im Tönnies'schcn Sinne). Die im Ghetto lebenden Juden waren verbunden durch gerneinsame Sprache, gemeinsame Tradition, religiöser und nationaler, und durch die patriarchalische Ordnung ihres sozialen Lebens. Der Schwerpunkt im Dasein des Einzelnen lag in der Familie, die einen geschlossenen O^rneinschaftscharakter besaß. Die Autorität innerhalb der Familie beruhte auf Alter und Weisheit und vor allem war es die Talmudgelehrsamkeit, welche Würde verlieh. Es war

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