Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 20 (1923)
- Issue
- Heft 5 (November 1923)
- Date
- 1923-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Parteibestrebungen im deutschen Judentum. 139 Zusammenfassung der Gruppen -immer wieder gescheitert sind. Diese unglückselige Verfassung einer sechshundertausend Seelen zählende Schichr ist vor allem bedingt durch die unvollkommene Eingliederungdieser Schicht in die sie umgebende -Gesellschaft. In Deutschland* bestand niemals ein klares und eindeutiges Verhältnis zwischen den „Emanzipierten" und ihren Mitbürgern. Wohl waren sie juristisch gleichberechtigt — gesellschaftlich wurden -sie verachtet. Wohl waren ihnen gesetzlich alle Berufe frei — faktisch blieben ihnen die meisten versagt. Wohl hatten sie gleiches Wahlrecht — die eigentlichen Rechte, die ehrenden (wofür man sie hielt) waren ihnen vorenthalten. Nicht nur geographisch liegt Deutschland zwischen England und Polen. Und so kam es, daß neben den Vielen, die sich der ganzen Problematik der Situation durch die Taufe entzogen, der größte Teil der deutschen Juden sich zur Erringung der völligen Gleichberechtigung zusammenschloß: zur Bekämpfung des Antisemitismus. Ein anderer Teil stellte sich der proletarischen Bewegung znr Verfügung und zog gegen die gemeinsamen Feinde: Staat und Gesellschaft, £me, dritte Gruppe wiederum wandte sich gänzlich ab vom öffentlichen Leben, versteifte ^sich auf die religiöse Praxis und hofft auf die messianische Erlösung. Und so weiter/4 (S. raein Aufsatz „Der Zionismus4* in der „Weltbühne'', vom 9. Dez. 1920.) So ist es das Eigentümliche der innerjüdischen Parteibestrebungen, daß sie nicht, wie etwa die Parteien eines Staates, um die Gestaltung einer bestimmten Kollektiveinheit und deren Organisation nach praktischen oder theoretischen Gesichtspunkten .miteinander ringen, sondern um die Art der Beziehung zu der sie umfassenden Gruppe/ Diese Tatsäclie bestimmt das Gebaren der Parteien selbst dann, wenn "anscheinend nur die Interessen des Judentums, nur positiv jüdische Ziele Programminhalt sind, wie es bei der Orthodoxie und dem Zionismus deT Fall ist. Die Zuspitzung des Willens zur nationalen Erhaltung oder Er-r neuerung der Judenheit ist bei diesen Parteien — wie wir sehen werden —" Reaktion gegen die Gefährdung der jüdischen Nation durch Assimilation und Antisemitsmus. Aus der gleichen Sachlage ergibt sich auch, daß die innerjüdischen Parteien nicht wie die eines festgefügten Staates in irgend-, einer Körperschaft, etwa einem Parlamente, vereinigt sein können, denn das Publikum, an das sie sich wenden, ist fast in jedem Falle ein anderes: während die „Assimilanten4* es sich vorzugsweise zur Aufgabe gemacht haben, die nichtjüdische Umwelt von ihrer judenfeindlichen Haltung abzubringen, sie .aufzuklären'4, wenden sich die national gesinnten jüdischen Parteien an die Juden selbst, und zwär an die internationale Judenheit. Zwischen einem in nationaler Hinsicht deutsch empfindenden Juden und einem jüdisch-deutschnationalen ist ein Ausgleich schlechterdings nicht möglich. Alle Versuche einer Zusammenfassung der Gruppen, etwa die Propaganda für den „Jüdischen Kongreß** (1919) sind an dieser Unvereinbarkeit der inneren Gegensätze gescheitert. Selbst ein staatlicher Zwangsverband aller Juden Deutschlands, wie er von der größten Gruppe, den „Liberalen'4 oft als wünschenswert verlangt wurde, hätte der Anarchie der jüdischen Parteien keinen Einhalt tun können, da diese aus den soziologischen Verhältnissen der jüdischen Lage erwachsen ist und eine organisatorische Maßnahme diese organische Gegebenheit nicht würde bezwingen können. Zu schroff ist die Kluft zwischen Liberalen und Orthodoxen: denn religiöse Gegensätze in der hier auftretenden Tragweite ermöglichen schlechterdings keine Verständigung. Zu schroff ist sie auch zwischen Zionisten und Liberalen: denn der begeisterte Wille zum jüdischen Volkstum verträgt sich nicht mit dem Bekenntnis zur deutschen Nation. Und gleichfalls unüberbrückbar ist die Kluft zwischen der Idee der ReKgionsnation. des auserwählten Volkes (Orthodoxie) mit der einer wehlichen Nation, in welcher Religion Privatsache ist (Zionismus). Besonders verlieft mußte die Zcrspaltung-dadurch werden, daß ein Teil des liberalen Judentums aus politischen Gründen jede irgendwie geartete Gemeinsamkeit mit den Juden andrer Richtung öffentlich ablehnen, um dem Antisemitismus kein Material für seine These von der Solidarität aller Juden zu liefern.