Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 20 (1923)
- Issue
- Heft 5 (November 1923)
- Date
- 1923-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Grundlagen imd Aufgaben. Grundlagen und Aufgaben. ' Von Paul Hirsch (Ruder-VJSt. Berlin). In letzter Zeit mehren sich wieder die Stimmen, die die Grundlagen des KJV. revidieren und für seine Entwicklungsmöglichkeiten und seine Zukunft eine schlechte Prognose voraussagen zu müssen glauben, Zweck dieses Artikels soll nun nicht eine Kritik derartiger Anschauungen sein, sondern ich will versuchen, tief überzeugt von der Lebensnotwendigkeit und den Möglichkeiten des Kartells, die Grundlagen der KJV.-Erztehung noch einmal objektiv zu untersuchen, für diese Grundlagen die Aufgaben der heutigen zionistischen Situation zum Maßstab nehmen, darlegen, ob das Kartell dieser Situation gerecht werden kann und inwieweit es in. seinen Formen und Gedankenkreisen dieser Situation Rechnung tragen und sich ändern muri. Es sollen hier auch Anschauungen Verwertung finden, die in vielfachen Gesprächen mit mir nahestehenden Bundeshrüdern zum Ausdruck kamen, und die mir treffende Charakteristika und Wegweiser für die Zukunft zu sein scheinen. Da es natürlich im Rahmen eines solchen Artikels unmöglich ist. die ganzen Problemkomplexe restlos zu erschöpfen, so muß ich mich stellenweise mit Andeutungen begnügen. Grundlagen und Aufgaben des Kartells lassen sich kurz in drei Worten zusammenfassen: 1. Jüdische Kultur.' 2. Politische Erziehung. 3. Krez Israel. Umden ersten Punkt der jüdischen Kulmr zu behandeln und in wirklich gründlicher Weise die Probleme zu zeigen, fühle ich mich nicht kompetent genug und muß daher dieses Gebiet anderen überlassen. Dieses soll keine Geringschätzung dieser Frage bedeuten, sondern im Gegenteil muß auf diesem Gebiete, wo eine große Fachkenntnis nötig ist, ein durch-' aus ernster und entschlossener Arbeitswille vorhanden sein. Aber da dieser ganze Komplex wohl am wenigsten bestritten ist, möchte ich ihn hier nui kurz gestreift haben, um dein Vorwurf der Nichtbeachtung aus dem Wege zu gehen. Es wird im übrigen sich bei der Untersuchung der anderen Fragen Gelegenheit bieten, einige Spezialfragen dieses Gebietes zu berühren. Das Gebiet der politischen E r z i e Ii u n g ist von jeher dasjenige im Kartell gewesen, welches in der Gesamterziehung des KJV.ers die größte Rolle spielte. Man bildete für das Ziel dieser Erziehung dns Schlagwort des j ü d i s c h e n Staats b ü rgers, des Menschen, der als Richtschnur für sein Handeln und Lassen"nicht das persönliche Moment betonte, sondern die Notwendigkeit der Gesamtheit. Man sprach einerseits davon, daß das Kartell für den KJV.er der vorweggenommene Staat sei, erweiterte aber andererseits diesen- Begrin sofort dadurch, daß man auch dieses Kartell nicht als Endzweck stabilisierte, sondern als Dienerin in der zionistischen Bewegung, als ein Glied in der Kette der zionistischen Gesamt- Organisation. Auf dieses Ziel des idealen ..Staatsbürgers'4 konzentrierten sich sämtliche Erziehungsformen des Kartells: es erreicht zu haben, schien Erfüllung der zionistischen Aufgabe, welche das KJV. zu leisten hatte. Es gilt nun zu prüfen, ob dieses Moment auch heute noch seine zentrale Bedeutung innerhalb des Lebens einer zionistischen Gemeinschaft, eines zionistischen Bundes besitzt oder ob es diese seine überragende Stellmig eingebüßt, hat. Es ist unzweifelhaft.. daß vor dem Kriege, als Palästina für die zionistische Betrachtungsweise keine Realität oder wenigstens nur zum geringen Teile Realität war, diese Stellung zu Recht bestand. Es galt damals - - nur kurz sei es angeführt — den jüdischen jungen Menschen, der aus assinnlantisehem Milieu stammend, seinen Vorteil, seine ».Individualität" als alleinige Richtschnur für sein Leben ansehen zu müssen .glaubte, wieder an die lebendige jüdische Nation zu ketten und als dienendes Glied In sie. einzureihen. Aber heute, wo die. Mehrzahl der Menschen, öle zu uns kommen, wenn nicht Zionismen, so zum mindesten doch „Pro- Zionisten" sind, d. h. Menschen, die zionistische Gedankengänge vor ihrem Eintritt in das Kartell kennen gelernt und durchgedacht haben sollten.