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Der jüdische Student · 1923-07-01 · Heft 4 (Juli 1923) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
20 (1923)
Issue
Heft 4 (Juli 1923)
Date
1923-07-01
Page
[Seite] (sequence 30)
Language
German
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122 so "lange" mächtig, als sie eine Sendung hatte". Alles Leid in ihr waren Wehen, in denen die Welt Göttliches gebar. So stellt sich jede Geschichte als divina comoedia dar. so ist die Geschichte eine heilige .Geschichte oder überhaupt nicht Geschichte, bloß vegetatives Leben, das zwischen Augenblick und Augenblick dahin rolllt ohne Beziehung z-u einem Ewigen. So wird die europäische Periode in der jüdischen Geschichte eine heilige Geschichte sein, voll von Liebe, voll von Opfer, voll von .Entsagung oder, sfe .kann überhaupt nicht in Erscheinung treten- — Für die Russen besteht dieselbe Problematik bezüglich eines Eintrittes In die europäische Geschichte; auch dort stehen sich ein Altrussentum und ein Westler tum gegenüber: Moskau ist heilig, Petersburg ist der Satan. Dostojewski, der te Geist unter ihnen, entscheidet hier nun: „Ich habe zwei Vaterer." Denn auch Europa ist heilig. Folgende tiefen Worte finden sich m den Brüdern 'Karämasow: „Ich werdenach Europa fahren, ich weiß es üa, daß ich mir auf einen Friedhof fahre, doch auf den teuersten, allerteuersten Friedhof, das weiß ich auch. Teure Tote liegen dort begraben, Jeder Stein über ihnen redet von einem so heißen vergangenen Leben, yoh so leidenschaftlichem Glauben an'die vollbrachten eigenen Taten» an die. eigene Wahrheit, an den eigenen Kampf und die eigene Erkenntnis, daß ich,- ich weiß es voraus, zur Erde niederfallen, diese Steine küssen und über ihnen ■ weinen werde." So soll die neue Geschichte, die für uns anhebt, auch voll von solchem Glauben, voll von tiefer Weihe sein. Es sind schon gute Anfänge gemacht Die fürchterliche Niederlage der Bilu — Wer ein Erstling ist. der wird knmer geopfert — die folgende Generation baut auf solcher Niederlage -rals ihren vornehmsten Sieg — dieser Opfergang der Bilu war verherßungsvoller Beginn. Seitdem hat der Kampf noch nicht aufgehört. Er tobt weiter gegen Malaria, gegen ödes Land, das fruchtbar werden soll, und in dem in ungewohntem Sonnenbrand Straßen gebaut werden müssen, gegen Widernisse aller Art. Das ist ein guter Anfang, der die Zuversicht gibt daß auch die neue,* die kommende Geschichte, die wir machen wollen, eine heilige wird, so wahr immer eine Jugend da ist die bereit ist zum Opfer. Berlin, am 20. Januar 1923 Isidor Dobrzynski. Ein Nachruf von Max Lichtensteiii (liindeiiburg O.-Schl.) Am 2. Juli haben wir Dobrzynski zu Grabe getragen. Er ruht,in Weißensee, nicht weit von der-Stätte, wo er als Junger Student sein Wirken für das KJV. und den Zionismus begonnen hatte. Alle seine Freunde, soweit sie die Nachricht von dem plötzlichen Tode noch ereilt hatte, waren erschienen. Ruhig und selbsibeherrscht wie das-Leben Dobrzynskis war, g'ir«g die Feier vor sich. Es war uns allen, als ob der Dahingeschiedene noch im Tode Zeugnis ablegen wollte für den Dienst am Judentum?, dem se!n ganzes Leben .geweiht war, Kein Laut der Klage ward hörbar, obwohl v,1r vor Weh hätten aufschreien mögen. Denn Dobrzynski war uns allen nicht nur Führer, sondern der beste Freund gewesen. Unter seiner strengen, fast nüchtern, anmutenden-Sachlichkeit" verbarg sich eine Fülle von •Gemüt rührende Anhänglichkeit an Frau und Angehörige, eine geradezu ängstliche Besorgtheit um seine Freunde. Er schien in seiner Jugend ein Fanatiker, wenn die Rede auf den Zionismus kam. Aber bald fühlte jeder, dsß.hinter dem starren und starken Geist nicht Ehrgeiz, nicht Eigensinn wohnte, sondern eine glühende Liebe zum angestammten Volk, geboren aus dem Mitleid für die Unterdrückten und Schwachen. Der Sklave, der seufzt, der Sklave, der stöhnt, der weckte in ihm die Lieder, und seiner Brust entquoll das Wort für die armen, gequälten Brüder. Später, als gereifter Mann,

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