Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1923-07-01 · Heft 4 (Juli 1923) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
20 (1923)
Issue
Heft 4 (Juli 1923)
Date
1923-07-01
Page
[Seite] (sequence 31)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3537599-3537778-3537782--5926-3544053
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

ilsidor Dobrzynski 123 war Dobrzynski konzilianter geworden. Aber auch dieses Entgegenkom-*' men an die Gegenwart war ihm nur Mittel zum Zweck. Er wollte alle -Kreise-für seine Idee gewinnen..Aber nie hat er sich gebeugt. Seine Strenge, s^ine Sachlichkeit wurde von manchem unserer Füxe und .jüngeren Genossen mißdeutet, seine Herbheit manchmal übelgenommen. Noch kurz vor seinem Tode trat er einem jüngeren Genossen entgegen, der mit mehr Eifer als Geschick in einer entscheidenden Sitzung operiert hatte. Es war die Sorge um die große Sache, die Dobrzynski nicht gefährdet sehen wollte. Als ich ihm damals unter vier Augen seine Schroffheit vorhielt, da erkannte er in einer fast rührenden Kindlichkeit, daß er über das Ziel geschossen war, es tat 'ihm weh, daß er einem anderen Mitstrebenden weh getan hatte. „Der Führer muß einen harten Bück haben", das war auch seine Maxime, und so zwang er sich, alles dem einen Endzweck, der Arbeit für den Zionismus, unterzuordnen. Zwang er sich, denn im Stillen hat auch er, wie sein großer Meister Theodor Herzl, oft geweint über das Unglück seines Volkes. Was Dobrzynski für das KJV., für den Zionismus geleistet und bedeutet hat. ist zu bekannt, als daß ich es hier wiederholen müßte. Er war der geborene Organisator, mit überzeugender IRedekraft begabt, von nie rastendem Fleiß und einer Zähigkeit, die ihn alle Beschwerden überwinden ließ. Er hat bis zuletzt allen unseren Sitzungen präsidiert und noch zwei Wochen, bevor ihn ein tückisches Nierenleiden .ganz 'unerwartet dahinraffte, ein Fest in Wind und Werter geleitet, um den Zusammenhang unter den Gesinnungsgenossen aufrechtzuerhalten. Ohne ihn wären die Blüte des KJV. und der zionistischen Organisation kaum möglich, ohne ihn die obcrschlesische Organisationen geradezu undenkbar. Er war der anerkannte Führer, nicht weil er der älteste in der Bewegung war, sondern weil er sich die Führer- Stellung täglich neu verdiente. Aber noch etwas wollen wir Dobrzynski nicht vergessen. Gewiß, er hat uns, seine Freunde von Jugend auf. die wir dem Judentum entfremdet waren oder gleichgültig gegenüberstanden, dem Judentum zurückgewonnen. Er hat aber noch mehr-an uns getan. Denn auch das Judentum war ihm nicht Selbstzweck, sondern eine Mission. Auf seinem Schreibtisch liegt noch Herzls Tagebuch, aufgeschlagen von seiner Hand: „Das gelobte Land %......wo wir in Frieden mit aller Welt leben, die wir durch unsere Freiheit befreit und durch unsere Größe bereichert haben . . . . Denn Gott hätte unser Volk nicht so lange erhalten, wenn wir nichtnoch eine Bestimmung in der. Geschichte der .Menschheit hätten." Wenn wir Diener an der Gesamtheit, wenn wir stolze, aufrechte Manner, wenn wir wirkliche KJVer geworden sind, so verdanken wir das in erster Reihe Dobrzynski. Er war uns Wegweiser in früher Jugend, er blieb uns Berater und Vorbild bis zu seinem allzufrühen Ende. Wir wollen ihm weiter nacheifern. Damit das große Werk, an dem er mit ganzem .Herzen und mit ganzer Seele hing, vollendet wird. Damit wir edle Menschen werden, wie Dobrzynski ein Auserwählter war. So, in seinem- Geiste, wollen wir ihm nachtrauern. Und nicht aufhören an ihn zu denken, denn wir «haben ihn geliebt, wie er sein Judentum geliebt hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.