Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 20 (1923)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1923)
- Date
- 1923-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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IIS ' Die Entscheidung des Zionismus — von ihrer historischen Situation ans zu erfassen und die Formen *ies Lebens danach zu gestalten, die ihre historische Zeit ihr darbietet und die sie nicht ändern kann. Hat aber eine Generation diese .Aufgabe von ihrer Situation aus, für ihre SiluatiÖn erarbeitet und die Lösung gefunden, dann erst versteht sie auch die Lösungen der vergangenen Situationen und dann erst gibt es für sie kein — abgestorbenes Wort. — In diesem Sinne ist von vornehmster deutscher Seite, die sich die (Erneuerang des Idealismus in dekadenter Gegenwart kapitalistischer Denkweise zum erhabenen Ziel setzte, betont wordein daß Goethe, der noch ganz in einer Rokokogeseilschalt lebend auch im Alter den neu heraufkommenden Menschentypus des 19. Jahrhunderts einfach ablehnte, ohne zu ihm Stellung zu nehmen, aus diesem Grunde nicht unbedingt als Führer bei solcher Erneuerung zu gelten habe. Dieses ganz von vorne anfangen, ist also nicht zufälliges Schicksal unserer Generation, sondern notwendiges jeder Generation. Die Forderungen, die unsere Propheten erhoben, haben nicht aufgehört zu gelten, aber das Palästina, in dem die heutige Generation diese Forderungen erfüllen soll, ist ein anderes geworden. Wenn auch alle, die die Sehnsucht •der Erneuerung erfaßt, mit Liebe in die Vergangenheit unseres Volkes blicken und mit dem Glauben, daß hier Kräfte aufgespeichert sind, die auch noch heute, wirksam sind, so .müssen doch alle damit rechnen, daß diese Kräfte einer .heutigen Gegenwart gegenübergestellt sind, daß die Erneuerung ein modernes Problem ist, von der Moderne oder überhaupt nicht zu lösen. Und hier ist der Punkt, wo der Zionismus von der Orthodoxie sich abhebt. Die Orthodoxie will das Alte bewahren, der Zionismus will das Alte in einer Gegenwart durchsetzen. Und hier ist auch der Punkt, wo der Zionismus von seinem Erbe aus der Aufklärung, der Einsicht in die Notwendigkeit der Assimilation allerweitesten Gebrauch machen wird. Denn ist die Erneuerung ein modernes Problem, so kann sie nur verstanden werden, kann nur gefordert werden von der Moderne. .Man darf nicht die Augen davor schließen, daß der Idealismus " jeder Aliia bis vor dem Kriege das Gepräge des europäischen Sozialismus trug, daß es heute, vielleicht mehr der Geist der Jugendbewegung ist. aus dem, in deutschen Ländern wenigstens, dem Zionismus die besten Kräfte erwachsen. Und man soll auch hier nicht warten bis aus solchen geistigen Mittelpunkte* auf langsamen Umwegen, die dann gewöhnlich schon abschwächende Umbildungen durchgemacht' haben, unserer Bewegung solche Kraftquellen erwachsen, sondern Berufene sollen bewußt solche Mittelpunkte aufsuchen, mit dem Willen zu lernen, nachzueifern und umzupflanzen. Außer dem direkten Kräftestrom, der hier entstehen wird, werden wir' auch jene vornehmen Geister gewinnen können, die ihr' Idealismus bis jetzt der engen Welt' jüdischen Lebens entfernte und die ihr jüdisches Opfer an fremden Altären darbringen mußten. Denen können wir zurufen: auch in unserem Lager ist Europa. Gutes Europa. Daran denken wohl auch jene, die die Formulierung aufbrachten, die jüdische Geschichte wäre mit der Zerstörung des zweiten Tempels abgebrochen und begänne erst wieder mit dem Auftreten Herzis. Nun, der goldene Faden jüdischer Geschichte ist nie gerissen. Es war'auch in" der Zeit, die hier übersprungen ist, möglich für jüdische Werte -froh zu sterben und im Dienste für sie Leben durchzuleiden. Aber jetzt, wills Gott, soll jüdische Geschichte nicht nur unterirdische Glut bedeuten, sondern soll Sichtbarkeit gewinnen wie in den Tagen, da jüdische Größe.noch bestand: der heiligen Allianz der europäischen Kultur soll ein neuer Faktor erstehen, der mitarbeiten wird an -jenem Tempel von Gedanken und Taten, die sich, wenn der Staub des Tagesgeschehens verflogen ist, als das wahre Schicksal unseres Kosmos erweisen. Und der Traum der Gründer jenes Kuiturvereines, dem auch -Heine angehörte una dessen Fiasko ihn, der damals längst andere Wege ging, tief berührte, der Traum jüdischer Kulturseluisucht wird sich erfüllt haben. Judentum und Europa. Eine ähnliche Situation bestand schon einmal in unserer Geschichte und zwar in dem Gegensatz Judentum und Heilenenttim. Gegen Ausgang der Antike scheint der Sieg dem Judaismus gegen die Anhänger einer Auseinandersetzung mit der hellenistischen Kultur zu-