Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 20 (1923)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1923)
- Date
- 1923-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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116 und seine Zeit dem Schicksal geantwortet, das immer dringender die Frage nach einer Lösung des Judenleids erhob. Wenn diese Schill ersehe Antwort später allgemein .als Irrtum eingesehen wurde, darf man doch folgendes, worauf Meinecke, der Historiker des Deutschen Nationalgedankens hinweist, nicht aus den Augen verlieren. Der humanistische Universalismus steht nicht im 'Gegensatz zum Nationalismus, sondern jener ist der historische Untergrund; auf dem dieser erst kräftig ge.däe.-hen.,kann. ,Denn „wer das Reich des Geistes aufrichten will in dieser Welt, muß zunächst damit beginnen, zu sagen, mein Reich ist nicht von dieser Welt. Er muß sie fliehen, um sie hinterher mit mächtiger innerer Kraft' zu beherrschen. 'Höchste geistige und sittliche' Werte schafft man, indem man sich zunächst über das Wirkliche erhebt" (Meinecke J. 55). Indem Mendclsohn die Aufgaben des Judentums in das Reich des Ewigen und der Religion emporgehoben hat, hat -er dem Zionismus vorgearbeitet. „Denn auch der . .moderne Nationalstaat bedarf einer universalen Lebensader, wenn er verjüngungsfähig sein soll, und meiner steten Rechtfertigung vor dem, Richterstuhl des höchsten menschlichen Ideals". (Mein.) Jerusalem ist uns eine •Idee, das müssen auch wir auf unsere Fahnen schreiben, wenn wir auch inzwischen gelernt haben, daß wir dieser göttlichen Idee nur in einem irdischen Jerusalem dienen können. Die Sehnsucht der Menschheit zu dienen, die in der Generation Mendelsohns erwachte, muß in uns. die wir inzwischen Zionisten geworden sind, weiterleben, .wenn' anders wir werden wollen., was iNietzsche nannte: gute Europäer. Aber noch ein zweiter Gedanke der jüdischen Aufklärung kann vom Zionismus unserer Tage bereits akzeptiert werden: Die Notwendigkeit der Assimilation. Mit jener ■ religiösen Sehnsucht, teilzunehmen an den Kämpfen, deren Siege der Menschheit gehören, waren mit einem Schlag aus Getthojuden Europäer geworden und die .Forderung der Assimilation wurde von den Juden der Aufklärung mit dem guten Recht von Mensehen erhoben,. die sich in einem Milieu sahen, das in keiner Weise zu ihnen paßte. Das Programm der Assimilation hat nun 'große Schäden in der jüdischen Gem-einschaft angerichtet, zu Massentaufen geführt und wertvolles Traditionsgut vernichtet. Aber das scheint stets das Schicksal der Normen zu sein, die die Geschichte an uns richtet, daß wir sie erst nach Irrtümern und Niederlagen in ihrem wirklichen Sinne begreifen. Wielches ist nun diese (Forderung der Assimilation, die auch der Zjonist anerkennen muß? Bevor wir hier antworten, folgende Vorbemerkung: Was von der jüdischen .Kultur gesagt ist, daß zu ihrem Berge alle Völker wallen werden, das ist die Gnade, die jeder Kultur zuteil wird. Eine Kultur die auf der Höhe ihrer Vollendung angelangt ist, kann man mit einer Macht vergleichen, die alles geistige Leben magnetisch an sich zieht, oder besser mit einem Licht, das überallhin, auch in die fernsten Täler seine Strahlen sendet. So hat sich die jüdische Kultur alles unterworfen: das christliche •Europa ist Fleisch von ihrem Fleische. So aber zieht umgekehrt die heutige europäische Kultur alles in ihren Bann. »Was hier ausscheidet, scheidet von der Kulturarbeit überhaupt aus. Wenn also einmal im jüdischen Menschen jene Kultursehnsucht erwacht ist, dann muß er alles bejahen, was ihn der Möglichkeit, in der europäischen Kulturarbeit mitzukämpfen und mitzusiegen, näherbringt. Also auch die Assimilation: liier hat die jüdische Aufklärung ganz richtig gesehen, aber wenn der Zionismus sie in sein Programm aufnimmt, dann wird er mit der Erfahrung, die die -Geschichte der Aufklärung, ihm hier bietet, allen Geiahren, die hier drohen, ausweichen können. Denn was war der 'Fehler der jüdischen Aufklärung in Deutschland? Daß sie anstatt vom Ewigkeitsgehait der deutschen Kultur, die sie aus dem Gettho heraustretend kennen lernte, Normen zu empfangen« gleichsam nur das zeitliche -Kleid dieses Gehaltes berücksichtigte und sich an einen M e n s c h e n typus assimilierte, der diese Kultur mehr oder weniger klar repräsentierte. Je weiter sich nun die Generationen von der Generation Mendelsohns entfernten, welche ein tiefes Erlebnis von echter Kultur hatte, desto mehr verflachten sich Normen und Programme der Assimi-