Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 20 (1923)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1923)
- Date
- 1923-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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10* Dc-r Antisemitismus alsnationales Problem lange alletrircdie Stellung zum Antisemitismus lediglich als ein Propagandamiiel angesehen wird, kann hie zu keinem Erfolge i'ühren. Man gewinnt da Führung in politischen Angelegenheiten nicht immer dadurch, daß rann die in Frage kommenden Wähler zu seinen Anhängern macht, sondern irirem man auch den politisch Andersorganisierten und Andersdenkenden dazu zwingt, in einer «Form zu agieren, die den eigenen politischen Tentazen entspricht. Die Zionisten könnten sehr wohl' auch in der Frage der Abwehr des Antisemitismus die Führung des deutschen Judeniums übermi3iBen. wenn sie nur besser arbeiten würden als der Zentralverein, wein sie nur eine anständigere und national zuverlässigere Politik treiben wüsten und wenn sie durch eine geschickte Politik den Zentralverein so fetlegen würden, daß er nicht in der Lage ist, gegen die nationalen Intei^sen zu handeln. ' Ein Bespiel derartiger Politik, ihrer Zweckmäßigkeit und ihrer Durch« setzbarkeit, ist die Ostjudenpolitik des deutschen Judentums in den letzten Jahren. Her ist es gelungen, ohne Herstellung einer einheitlichen theoretischen Ueüerzeugung der deutschen Juden über die Ostjudenfrage, eine Politik du^Bzaführen, die den nationalen Gesichtspunkten vollauf Rech- . nung trägt. Es ist Homer falsch, wenn man die der eigenen Ansicht nicht Zustimmenden für eine einheitliche undifferenzierte Masse ansieht. Auch in der - Frage der Bekämpfung des Antisemitismus hat man es niemals mit einer vollkommen gleichgearteten und gleichgerichteten Zahl von antizionistischen Ansnüien zu tun. Es ist im Interesse des Zionismus bedauerlich, daß die Rehungen eines gewissen nationalen Instinktes, die in weiten Zentralvereinstaisen in letzter Zeit dazu geführt haben, anstelle der unablässigen La^alitätsbeteuerungen dazu überzugehen, jüdische Gelder für antisemitistfr: verseuchte Institutionen zu sperren, ohne jeden Einfluß der zionistischen Organisation erfolgt ist. Die large Zeit der Abstinenzpoiitik hat leider die meisten Mitglieder der zionistischen Organisation ungeeignet gemacht, alle diejenigen Anforderungen zu erfüllen, ohne die eine national-jüdische Politik, auch in der Frage der Abwehr des Antisemitismus, nicht möglich ist. Der Zionlst, der nicht -ehsah. daß das Interesse des jüdischen Volkes unter nationalen Gesichtspuriften durch ihn zu 4eder Zeit und an jedem Orte vertreten werden muß, rat die politische Fühlung mit den wesentlichen Faktoren der Welt, in derer iebt und in der er sich durchsetzen soll, verloren. Anstatt daß die zionistische Organisation darauf rechnen kann, daß ihre Mitglieder vor Behörrim und in Parlamenten, in politischen Parteien, in Berüfsverbänden, in der Presse und in allen andere» Brennpunkten des öffentlichen Lebens in irrem Sinne und nach ihren Direktiven tätig sind, hat die Mehrzahl der Zhnisten es überhaupt nicht für erforderlich gehalten, ihre Stellung im öffeitFchen Leben oder in ihrem Berufskreis für eine zionistischrelevante Argelegenheit zu halten, sondern sie hat lediglich ihre Verzweiflungspsychas ans der leider unvermeidlichen Verstrickung in das Gorsleben genährt Es ist Tfeit daß die zionistische Organisation in Deutschland ihren Standpunkt ändert. Anzeichen dafür, daß man die Unnahbarkeiten der bisherigen Stellungnahme einsieht, liegen bereits vor. Dennoch besteht leider schon jetzt fei Anlaß zur Warnung, daß das Heraustreten aus dem Turm sich nicht aif eine Information der deutschen politischen Oeffentlichkeit über den Zönismus beschränken darf. Die zionistische Bewegung und d-:e zionistische Organisation sind in dem AugenbFck, wo sie vor die Weit treten, sei e? In der Form der diplomatischen Verhandlung, oder des kolonisatorischen Auibaus. sei es als Fordernde in der Frage nationalen Rechtes, sei es äk Verteidigende gegenüber Angriffen der Judengegner, niemals Selbstzweck, sorjdern immer nur der bewußte und organisierte Teil des iüdischen Vilkes, der sich iür das Geschick des Ganzen verantwortlich fühlt. Die bisherige Situation In der Frage der Bekämpfung des Antisemitismus ist nicir nur politisch unhaltbar, weil sie poltisch falsch ist. Sie wider-