Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 20 (1923)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1923)
- Date
- 1923-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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94 Brief aus Heidelberg: und wieder einige (doch die wenigsten) tendieren stark zum Blau-Weiß, weil sie dort Bereitschaft, Aktivität und Lebe:i sehen. So finden wir bei uns anstatt Einheitlichkeit und Geschlossenheit, die jede Bewegung braucht, um die Idee zu erfüllen, Spaltung und Zerrissenheit, die zur Untat verdammt. Erinnern wir uns einmal an den Fusionskartelltag, wo die politische und kulturelle Erziehung als das Programm der vereinigten Jugend proklamiert wurde. Diese beiden Punkte sollten angeblich den -Inhalt unserer Erziehung gebildet haben. In Wahrheit konnte damals davon keine Rede sein, und noch viel weniger gilt das von heute. Sehen wir uns einmal um, wo die Menschen sind, diu wirklich wieder in kulturellem Sinne volkhaft geworden sind; die in unserer Sprache und in unseren alten Werken wieder leben, die auch ohne Palästiuahoffnung, ja, selbst bei Aufhebung der Balfourdeklaration, an dem Sinn ihres .ludeseins nicht irre würden? Wir werfen dem Blau-Weiß vor, seine Menschen wären für den Zionismus verloren, wenn sie nicht nach Palästina kämen. Wenn nun auch die von uns, die die starke Sehnsucht nach Palästina haben, nicht hinüberkönnten, würden sie vielleicht ihr Schicksal leichter ertragen können, aber doch ebenso sehr innerlich gebrochen sein und von dem Wissen um die Problematik des Westm den und von der intellektuellen Fundier an? ihres Zionismus allein auch nicht leben können. Auch die müßten sich ja mit einem ungelösten Konflikt herumtragen. Das eben meine ich, ist ein Zeichen, daß wir in unserem Volke kaum mehr verwurzelt sind;ds etwa der Blau- Weiß, daß auch den .Meisten von uns unsere Vergangenheit fremd und ' leblos geblieben ist und auf absehbare Zeit bleiben wird. Demi einerseits fehlt der ernste Wille dazu, den das Kartell nicht zu wecken imstande war, andererseits haben wir auch nicht die geeigneten .Menschen, die zu solcher Arbeit geeignet wären. (Die es konnten, sind ausgeschieden.) Und wie steht es mit unserer politischen Erziehung? Haben wir hier etwas erreicht? Ueber den Wert und die Notwendigkeit einer politischen Erziehung ist nicht zu streiten. Solange ein Gallith sein wird — und es wird noch unabsehrbar lange sein — brauchen wir .Menschen, die auch hier die Bewegung machen und die Positionen stärken. Sie leisten ja dadurch ebenso große Arbeit für Palästina (und die Galutharbeit hat ja nur Sinn als Arbeit für Palästina). Aber fragen wir uns einmal, wieviel von unb, Möglichkeit haben, politisch etwas zu leisten. Sind es nicht in Wirklichkeit immer nur ganz wenige, die für polirsche Arbeit in Betracht kommen? Ohne Zweifel sind viele derer, die heute erfolgreich Propaganda treiben und Keren Hajessod machen, aus dem KJV. hervorgegangen. Und wir haben auch weiter die Aufgabe, Nachwuchs für die Organisation zu schaffen. (Das wird allerdings in anderer Weise geschehen müssen als bisher. Die politisch Begabten (Menschen z. B. von rednerischen Fähigkeiten und-natürlich folitischem Verständnis) sollten in einer Gruppe gesammelt und besonders stark in dieser Richtung hin erzogen werden. Sie sollen gleichsam zu pimkes, von denen Plalo in seinem Idealstaai als den zukünftigen Trägern des Staats spricht, heranreifen. Diese Menschen werden sich dann besonders befählt fühlen, in der Organisation zu arbeiten, und so wird die Weiicremwieklung gesichert sein). Wir ml':/sen uns aber darüber klar sein, daß dieser Prozentsatz im Vergleich zu unserer Gesamtzahl ein verschwendend geringer Ist. Und so ergib: sich d?e Trage: ..Was tun wir mit der Masse derer, die zwar die politische Erziehung genossen haben, die aber diese theoretischen Kenntnisse nicht in Fähigkeiten umwandeln können? Wie können wir diese Kräfte fruchtbar machen? Und an dieser Frage sind wir gescheitert. Wir haben kernen Weg gefunden, diese dem KJV. eigene Immanenz der untätigen .Masse "u beseitigen. Im Garath g:bt es für sie meistens keine Arbeitsniöglichkeilen — wenn man nicht Büchsensammlung und Schckeiaktion als .politische Arbeit bezeichnen will — und für PaläsFna kommt sie deshalb kaum In frage, weil mindestens drei Voraussetzungen dazu da sein milden: 1. Der Wille überhaupt herübe zugehen, der-bei vielen unserer Btmdcsbrnder durchaus nicht vor!:o ••den is.: 2. d:csen vorausgesetzt, die Kr:in Palästina leben zu körnten, 3. (unter Voraussetzung von 1 und 2) für sich eine konkrete Mög-