Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 20 (1923)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Die Lehren der gescheiterten Fusion lichkeit werden sollen. Wenn der Blau-Weiß auf dem Wege nach Palästina sich die wirtschaftlichen Fundamente gewinnen will, dann braucht er das KJV. Aber sein Verlangen nach diesen Menschen erweist sien in der fast zynisch anmutenden Formulierung, die jetzt dem mit der Fusion verfolgten Ziele gegeben wird, als nichts anderes, als die kalt berechnete und depravierende Art, mit der sich die Sowjetregierung der Dienste der „verfluchten14 Ingenieure (der „Spezen") zu versichern bemühte. Demgegenüber hat das KJV. mit Bestimmtheit zu erklären: Auf diesem Wege ist Fusion nicht möglich, wird sie immer unmöglich sein. Diesen Konsequenzen des Bundesgedankens wird das KJV. solange entschlossenen Widerstand leisten, bis dieser Bundesgedankc sieh gewandelt, haben wird. Wenn der Blau-Weiß in seinem Turme bleiben will, dann muß er es sich gefallen lassen, daß man ihm wirklich darin läßt, und daß ihm alle Möglichkeiten des jüdischen und zionistischen Lebens, verschlossen bleiben, die nir dem zur Verfügung stehen, der sich bewußt in die Gesamtheit des jüdischen Volkes einordnet und von ihr nehmen kann, weil er ihr zu geben gewillt ist. Wenn der Blau-Weiß sich selbst, seine Arbeit und seinen Bund bejaht, und vor diesem alle anderen Bindungen und Verpflichtungen des jüdischen und zionistischen Lebens zurücktreten läßt, so liegt darin ohne Zweifel der gesunde Gedanke der konkreten, bei sich selbst beginnenden Arbeit. Aber dieser (iedanke verfälscht sich, zu der Anmaßung einer wtrklichkeiisleeren. um so verderblicher wirkenden Selbstvergoitung. wenn der Bestand des Bundes an die Steile der Forderung der Idee, die Gemeinschaft der dem Volke Verpflichteten, an die Stelle des Volkes selber tritt. Dann nämlich bleibt auch konkrete Arbeit leer und wirkungslos, besonders wenn sie von Menschen ausgeht, die nicht nur durch ihre Eigensucht von den Zusammenhängen des jüdischen Lebens abgeschnitten sind, sondern die als assimilierte Menschen den Kampf gegen die Assimilation verpönen und die unter jüdischen Gesichtspunkten zufällige Form ihres Assimilicrtseins heilig gesprochen haben. Man kann deutlich sehen, daß die innere Struktur des Blau-Weiß schon im jetzigen Augenblick unhaltbar ist. Bereits sein Entschluß, dem Hechaluz beizutreten, ist ein Schritt auf dem Wege, der ihn aus seinem Turm herausführen muß. Einsieht und Zwang werden diese Entwicklung beschleunigen müssen. Wenn die palästinensische Arbeiterschaft und die Notwendigkeit von Ercz Israel den Gedanken der Absonderung unmöglich macht, so wird der entschlossene Widerstand des KJV. und des detitschen Zionismus auch die Vorbercitungsarbeit des Blau-Weiß für Palästina in den Kreis der allgcmeiren zionistischen Arbeit und Verantwortung hineinziehen müssen. Sonst wird es kein Wirtschaftsamt und keine Alijahf keine Berufsausbildung und keinerlei gemeinsame Arbeit geben, die ihre Wurzeln im allgemeinen jüdischen und zionistischen Leben haben und aus ihm ihre Kraft ziehen. Es wird es nicht geben, weil es so nicht kommen darf. Weil gerade das KJV. die Verpflichtung hat. sich der Zerstörung des zionistischen Gedankens eiitgegenzuwerien. Damit aber wandelt sich die Fusionsfrast? zur Lebensfrage des deutschen Zionismus. Mit erschreckender Klarheit sehen wir jetzt die ungeheuren Gefahren, die das KJV. und den deutschen Zioirsnras insgesamt bedrohen und die im Blau-Wciß-Problem nur ihre letzte Zuspitzung, aber bei weitem nicht ihre entscheidende Auswirkung erfahret] haben. Denn auch das KJV. kann nach den Erfahrungen der letzten Wochen unmöglich auf dem richtigen Wege gewesen sein, vielleicht muß man sogar sagen, daß es nur einen Schritt zurück war in der f.ntwickiung, die vom Zionismus weg führt. Wird es auch diesen Schritt noch geilen? Das wird davon abhängen, ob das KJV. nach Aufhebung der Fusion wieder dasselbe KJV. sein will, das es vor der Fusion gewesen ist. Das unheilvolle Dilemma, das den deutschen Zionismus zwischen zionistisch-anständiger, aber tatentfremdeter Gesinnung und entschlossener, aber volksfremder Leistung einspannt, muß durchbrochen werden.