Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1922)
- Date
- 1922-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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unser Kartcüiag Unser Kartelltag. Von Friedrich Max Simon, Tübingen (Rudcr-VJSt. „Ivria" i.a.B.) I. Wirtschaft. Horatio, Wirtschait! Das Gebackene „Vom Leichenschmaus sab kalte Hochzeitsschüsseln'1. (Hamlet 1, 2.) Als sich am Sonnabend um 11 Uhr nachts in Frankfurt am Main der Zug in Bewegung setzte, der außer einer gut gepackten Ladung Blau- Weißer einen Waggon süddeutscher Bundesbrüder enthielt (48 Mann, 6 Pferde), da hätte sich auch der Großinquisitor Holdheim allein durch den Stimmaufwand überzeugen können, daß das jüdische Volk und seine Jugend noch lebt. Auch der nachts um 2 Uhr verlesene „Hirtenbrief an die Polyerotiker" vermochte nicht die Quantität der von uns verzehrten Lebensmittel wesentlich herabzumindern. Eine vergnügte Gesellschaft fuhr so dahin: da waren die Freiburg er, kernige Bergjuden, die unverständlich redeten, die munteren Heidelberger, an ihrer Spitze das berühmte einsilbige Präsidiumsmitglied Paul Hirsch. Die Technik ist vertreten durch die Karlsruher, Dar in Städter und Friedherber: letztere erweisen sich als Meister des hebräischen Gesanges. Selbst das kleine T ü hingen hatte seine Mannen geschickt (die durch eifrigen Gebrauch des Berliner Dialektes auffielen), vor allen glänzten aber die Frankfurter, die es in mühevoller Arbeit ermöglicht hatten, daß wir alle zu halben Preisen fahren konnten. In den Couloirs bemerkte man Nach mann söhn, der seit Cassel drei Stunden zur Diskussion sprach. Ernst M e y e r - Freiburg, der geschäftig hin und her eilte und si^.i dauernd „umzugruppieren** versuchte, ferner Franz M^ver- Heidelberg, der meist in „Bildung begriffen", ab und zu hinausstürzte, um sich zu verinnerlichen, und dann wieder kleine Flugschriften verteilte, wie etwa: „Leibburschen, die man nicht nehmen soll!44, „Wie sage ich's meinem Leibiuxen?" oder „Eignen sich Burschenarbeiten zu Kartelltagsreferaten?*' (Nein!) Und so fuhr man denn 12 Stunden lang, nicht ein Leichentransport auf dem Weg zum Massengrab, sondern eine Schar von jungen Menschen, die sich zum größten Teil vorher noch sarnicht gesehen hatten, die aber einig waren in dem Gefühl, daß KJV. Leben heißt. II. „Der junge Tag erhob sich mit Entzücken, Und alles war erquickt, mich zu erquicken:'4 (Goethe. Zueignung.) Es war wirklich erquickend, als wir endlich in Hannover anlangten, und uns in 'B i k u r a h s ausgebreitete Anne fallen la^en durften. Ein gut organisierter Bahnhofdienst (Yizefeldwebel I r v i n F i s Ii e r) drückte jedem Ankömmling sofort ein Festprogramm, einen Plan von Hannover und' eine Erkennungskarte in die Hand, auf der stand, wer man sei, wo man wolme. und mit welchen Bahren erreichbar. Präsidialmitgiieder und andere Kriegsverdiener mußten zahlen, die Delegierten wurden kostenlos untergebracht, das Volk schläft während, der Sitzungen. Am Sonntag abend eröffnet Bileskr de:i in dem herrlichen alten Rathausbau tagenden Kartelltag mit einer hebräischen Rede, die von der Mehrzahl der fast 300 Mann zählenden Zuhörerschaft verstanden wird. Siehe da. ein Fortschritt! Auch die BegniCungeu der Pariser und palästinensischen Kommilitonen, die zur WeiistaJenteruagung gekommen sind, (die Weit ist wirklich sehr klein) sind hebräisch und v, erden verstanden. Ein. Wiener Herr (. . . ae . . . aeque . . . acque) erzählt uns. daß man in Oesterreich immer noch auf alten Wegen keine Ziele erreiche. Felix R o s e n b! ü t h eröffnet dann die Generaldebatte. Eindringlich zeigt er ••:-.s die Schwierigkeit der Situation und die GröG> Angaben. Die