Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1922)
- Date
- 1922-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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K36 KJV. und traditionelles Judentum Zionismus ist damit eine Organisation erhalten geblieben, die seinen starken Kern — nicht im exklusiven Sinn — bilden kann. Zweifellos aber ist auch, daß noch längst nicht alle Spannungen ausgeglichen sind, die das Leben des Kartells so lange bedroht haben. Der bevorstehende "Kartelltag dürfte das deutlich zum Ausdruck bringen. Ein merklicher Gegensatz besteht noch immer zwischen den führenden Berliner Gruppen und anderen Gruppen im Reich, besonders süd- und mitteldeutschen Gruppen des Kartells. Dieser Gegensatz scheint mir ursprünglich weniger prinzipiell, als gefülilmäßig zu sein. Es ist — im Wesentlichen — derselbe Gegensatz, der zur Bildung des BZK. geführt hat. Der Vorgang, der Absplitterung des BZK. ist — gerade weil er sachlich so schlecht begründet ist — ein deutlicher Beweis für das Bestehen starker gefühlsmäßiger Differenzen, die in der verschiedenen Art und dem verschiedenen Grad unserer Assimiliertheit begründet sind. Dieser Gegensatz hat in den vergangenen Jahren die Situation im Kartell sowohl als auch im deutschen Zionismus oft genug sehr verschärft. Und das besondere Gefährliche scheint mir zu sein, daß man immer wieder versucht, diesen Gegensatz durch sachliche Gründe zu bemänteln, während er tatsächlich im Grunde gefühlsmäßiger Natur ist. Was uns die Berliner entfremdet, ist ihre Kälte und Unzugänglichkeit, ihre fast ausschließlich verstandesmäßige Orientierung, die Härte und Ironie, mit der über Andersdenkende geurteilt wird und die Unbekümmertheit, mit der man oppositionelle Gruppen ausscheiden läßt. Es ist — mit einem Wort die Mentalität von Preußisch- Berlin, an die unsere Berliner Bundesbrüder — und zwar gerade die rührenden Gruppen uns assimiliert zu sein scheinen. Diese Assimilation greift auf große Teile 'es deutschen Zionismus über, und beeinträchtigt so unsere Werbefähigkeit aufs Stärkste. Und es kann, wie ich glaube, nur nützen, wenn dies einmal ohne alle Umschweife ausgesprochen wird. -Ein besonders markanter Zug dieser Neutralität ist ihre a r e 1 i g i ö s e Orientierung. Man lernt hebräisch, aber es ist wenig davon zu spüren, daß die hebräischen Kenntnisse zu einer vertieften Kenntnis der großen jüdischen Kulturdokumente führen. Man liest seinen B i a 1 i k , aber von Lektüre der Bibel etwa ist wenig zu merken. Und hier führt der Geist von Preußisch-Berlin zu Umständen, die für den geistigen Zustand des Kartells sowohl wie des deutschen Zionismus überhaupt höchst 'bedenkliche Folgen 'haben. Wenn neuerdings darauf hingewiesen wird, daß der deutsche Zionismus an Werbekraft xegen die Vorkriegszeit erheblich eingebüßt hat: hier scheinen die Gründe für diese Tatsache zu liegen. Werben kann nur eine Bewegung, die tatsächlich Bewegung d. h. geistige Entwicklung ist. Geistige Entwicklung findet aber im Kartell sowohl wie im deutschen Zionismus seit geraumer Zeit nicht mehr statt. Das Hebräisch-Lernen war die letzte Konsequenz der geistigen Entwicklung im deutschen Zionismus. Daß diese Konsequenz bis jetzt im Wesentlichen unfruchtbar geblieben ist. liegt darin, daß man davor zurückscheut, die erworbenen Kenntnisse zu einem tieferen Eindringen in die Kultur unserer Vorfahren zu verwenden. Hier liegt ganz einfach eine künstliche Coupierung der geistigen Entwicklung vor, ein willkürliches Stehenbleiben vor den Türen des biblischen Schrifttums das — wie es scheint — in der unbewußten Scheu vor vielleicht zu ziehenden Konsequenzen begründet ist. Und doch ist nichts natürlicher, als daß wir, um „unsern Nationalismus wesenhafter zu gestalten", an die alte Kultur anknüpfen, die das - -tvolle Erbe unserer Väter ist. Anknüpfen heißt zunächst kennen .n, heißt liebevolles Vertiefen in die Formen und Inhalte der Kultur, < seren Vätern und Großvätern Judentum bedeutete. Die nationale i tung des Sabbath oder der Speisegesetze z. B. Ivänn nur der ermes* . der diese Institutionen nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch kt:mt. Diese Formen sind es, die das Wunder unserer 2000 jähr fco;i Galuth-Existenz erklären, und sie bilden auch heute noch Garantien für die Weiterexistenz des jüdischen Volkes, die mindestens ebenso stark sind, wie die Wiedergewinnung der palästinischen Heimal. Eine Entwicklung in Richtung aui dies traditionelle Judentum