Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1922)
- Date
- 1922-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Untergangsspuk oder Erneuerungsw ille 163 allerdings ein unnatürliches Verhältnis, eine überreizte Stimmung, eine ..Atmosphäre der Lüge" erzeugen! Es ist eine unglaubliche Ueberspanntheit und Arroganz -- was man so oft hören kann zu sagen: Zionismus bedeute Palästina, und wer nicht nach Palästina geht, oder gar Landwirt werde, habe kein Recht, sich Zionist zu nennen! Ks ist ein oberflächlicher Unfug, dem „Diasporanationalismus'* -die Existenzberechtigung abzusprechen. Das Problem liegt viel tiefer als die literarische Kontroverse Galuthverneinung — Caluthbezahimg geht. Die Diaspora ist eine Erscheinung des jüdischen Lebens, die nach meiner Ueberzeugung ewig bleiben wird. Erez Israel wird die Heimstätte, das Zentrum des jüdischen Volkes werden. Palästina wird gewiß nicht ewig vom Galuthjudcntum abhängig sein. Herte ist es jedoch dies zweifellos. Nur ein starker Galuthzionismus kann den Aufbau Erez Israels ermöglichen. Nur aui die Gefahr hin, starken Widerspruch zu finden, sage ich, daß das liauptstück der - zionistischen Arbeit heute außerhalb Palästinas zu leisten ist, damit der Aufbau i n Palästina möglich ist. Es ist darum eine reine Kinderei, dem Galuthzionismus (wenn man es nicht überhaupt vorzieht, diese wertende Unterscheidung zu vermeiden) gar keinen oder nur geringen Wert beizumessen. Die künstliche, willkürliche, unnatürliche und lächerliche Prozentuierung des Zionismus müssen wir uns aufs Schärfste verbitten. Es wäre ein unerträglicher Zustand, zu untersuchen, mit wieviel prozentigen zionistischem Oele jede gesalbt ist. „Wir können nicht eine Atmosphäre dulden, die dem reinlichen Menschen das Atmen sauer macht/4 ... Es liegt zweifellos eine gewisse Tragik darin, daß die westindische Jugend die Chaluzforderung nicht radikal durchführen kann. Aber diese Tragik ist nur ein Teil der gewaltigen Tragik des jüdischen Volkes. 2000 Jahre Galuth lassen sich nicht mit einem Male ungeschehn machen. Aber wir sind davon entfernt, zugrunde zu gehen oder zu verzweifeln und unser Schicksal zu bejammern. Wir sind im Gegenteil von einem unbesiegbaren Lebens- und Zukunftswillen beseelt, und wir sind entschlossen, an der Stelle, und gerade an der Stelle, wo wir stehen, für die Befreiung und Erneuerung des jüdischen Lebens einzutreten. Das KJV. will seine Menschen zu einem aktiven und produktiven Zionismus erziehen — für das Galuth. und für Erez Israel. Und nur Phrasenhelden können ihm die zionistische oder •sonstige Dasehrs'berechtigung bestreiten. Es bleibt noch die Erage nach der Lebensfähigkeit des KJV. Die Eigenart des KJV. (gegenüber anderen Verbindungen) liegt in seiner zionistischen Tendenz. Der Zionismus ist die Quelle seines Lebens und der Richtpunkt seines Strebens. Mit ihm steht und fällt der KJV. Wir müssen die Menschen, die wir hierzu gewinnen wollen, erst für die junge jüdische Renaissancebewegung gewinnen, ehe sie zu uns kommen. Darin liegt unsere Schwierigkeit, aber darin li.egt auch unsere Kraft. Es ist für uns deshalb in der Tat -wichtig, ob der zionistische Gedanke seine Begeisterungsfähigkeit beibehalten oder, wie lioldheim behauptet, durch gewisse t Ereignisse eingebüßt hat. H old h e i m sagt, daß es sicher ist. daß der Trabant die zionistische Elamme bleiben muß. wer einmal das schmerzvolle Glück hatte, sein Herz in ihrer lodernden Glut erbeben zu fühlen. Aber, fährt er fort, „mich pktgt der Zweifel, ob der heutigen Jugend in einem prozentual ähnlichen Verhältnis die zionistische Besessenheit innewohnen kann wie uns Aelteren.4* — Mich plagt gar kein Zweifel, für mich liegt die Sache ganz klar. Es kommt nämlich rein auf die Menschen an. Diejenigen, welche nach „Offenbarungen44 suchen und nach „Utopien44 haschen, hat heute der Zionismus nichts zu sagen. Ihnen hat er nie etwas zu sagen gehabt: Der Zionismus ist kein Offenbarungszirkus für eine schwärmerisch und sentimental veranlagte Jugend aus dem jüdischen Westen! Denjenigen aber, welche einen Ausweg aus der unertäglichen Situation des jüdischen Volkes finden wollen, welche leidenschaftlich eine Sanierung und Erneuerung des jüdischen Lebens erstreben und nach klaren Zielen und praktischen Wegen suchen.