Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1922)
- Date
- 1922-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Unterganssspuk oder Ernei:erungswüle 159 Gemüter verdüstert, so muß die Debatte so weiter und zu Ende gerührt werden, daß sie nicht zum Schaden, wohl aber zum Nutzen des Kartells gereicht. Es ist gewiß gut, daß wir eine Weile aufhören, uns in der Sonne der Selbstzufriedenheit zu bespiegeln und uns umsehen, ob das Schiff, auf dem wir uns befinden, nicht auf eine Sandbank geraten ist oder ihm sonst irgendwie Uebel droht. Aber noch besser ist es, daß die unkende Mißvergnügtheit vor ihren Schlupfwinkeln gestellt und ihr hart zugesetzt wird. Wenn die Herzen der „Unentwegten44 vor Zorn bluten und beben, warum sollen die Mießmacher nicht auch schlechte Tage erleben? Der Ausgang dieses Kampfes muß in gleicher Weise -eine Lehre für die zukünftige Nörgelei sein, wie für die eigene Lobrederei. Es sei bemerkt, daß Nörgelei ebenso verschieden ist von ehrlicher Kritik, wie eigene Lobrederei von stolzem Selbstbewußtsein. Ich glaube nicht, daß Holdheims Betrachtungen Selbstbetrachtungen sind, und daß sie nur eine schlechtgemachte Theorie „für die eigene Flauheit44 darstellen. Ich halte ihn, obschon ich ihn nicht kenne, für einen ehrlichen Menschen und einen ehrenhaften Bundesbruder. Man muß von Menschen, die man nicht näher kennt, nicht das schlimmste, sondern das Beste annehmen. Er erscheint mir nicht als ein Teil von jener Kraft im KJV., die stets das Böse will . . ., sondern im Gegenteil, die stets das Gute will — und doch das Böse schafft. Holdheim hätte sich^klar sein müssen, daß seine „umstürzlerischen Reden44 das Signal und der Sammelruf für die gewohnheitsmäßige Mießmacherei sein werden, die sich nun aus ihrer gepanzerten Reserviertheit hervorwagt und_. auf den neuen Propheten weisend, mit frohlockender Ueberlegenheit verkündet: „Seht ihr, wir haben es schon immer gesagt! Es wäre interessant, zu erfahren, ob die Ratten, die das Schiif schon sinken sehen, sich rüsten, es zu verlassen . . . Wie? Wundert sich da Hold heim, daß ein „Trommelfeuer von so ohrenbetäubendem Lärm44 — ob nun angeblich oder tatsächlich — gegen seinen Artikel eingesetzt hat? Ich wenigstens verstehe die rasende Wut von G o 1 d w a s s e r - Hainichen u. a. sehr wohl. Man darf nicht ungestraft einem Kerngesunden das Sterbeglöcklein läuten und die Totenmesse lesen! Ich finde, der Sturm ist gar nicht einmal so groß und die Empörung nicht so gewaltig. Vergißt Holdheim, daß er dem Kartell glatt die Lebensfähigkeit und Daseinsberechtigung abspricht, daß er seinen Bundesbrüdern in corpore „Schwunglosigkeit44, „Indifferenz44, „Mitläufertum44 u. a. m. vorwirft und sie schließlich eine träge Masse nennt? Wenn daraufhin die Geduld reißt und starke Worte fallen, dann braucht sich der Angreifer nicht zu wundern. Wir müssen uns, und jetzt gestatte mir Hold he im, etwas schärfer zu werden, dagegen verwahren, daß man vom KJV. und dem Geist, der in ihm herrscht, ein ebenso schwarzes, wie unwahres Bild entwirft. Wo, Holdheim, ist „die Existenzberechtigung des KJV. andauernd diskutiert und manchmal sogar verneint worden44? Uns plagen weder Zweifel, noch Skrupel, und wenn wir in froher Arbeit stehen, wünschen wir keine Sterbegesänge zu hören. Wenn die Wogen der Entrüstung dennoch nicht so hoch gingen und man dem „Ketzer44 keinen Scheiterhaufen bereitet hat, so liegt dies daran, daß man seinen Artikel (zuerst) als eine literarische Geste ansah, auf jeden Fall aber als einen papiernen Pieil, der nur das Symbol einer lächerlichen Ungefährlichkeit darstellt gegenüber den festgefügten :\\auern des KJV. Das KJV. ist in seinem Wesen und in seinem Kern gesund, und es hat durchaus nicht die Veranlassung, den eingebildeten Kranken zu spielen und sich in frommer Askese aui den nahen Tod vorzubereiten. (Es hat Gott sei Dank, auch keine Veranlassung, sich billiges Eigenlob zu spenden und sich, zum Zeichen, daß alles in Ordnung sei, selbstzufrieden lächelnd die Hände zu reiben.) Man mag die Auf- und vVegräumung alles dessen fordern, was mürbe und morsch an unserem Kartellgebäude geworden ist. man mag unsere Arbeit, unsere Haltung scharf kritisieren und uns unangenehme Wahrheiten sagen. Aber wir können