Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1922)
- Date
- 1922-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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155 Die Forderungen, -die der Zionismus, wenn er einmal in uns erstarkt ist, an uns stellt, dürfen nicht mehr wie ein schreckendes Gespenst vsr uns stehen. Ks darf nicht mehr geschehen, daß ein Bundesbnider ans einer Art schlechten Gewissens heraus sich scheut, dem anderen in die Augen zu sehen und ihm auf Schritt und Tritt ausweicht. Ein ehrliches „Ich kann nicht!" soll nicht mehr zur Lächerlichkeit gestempelt werde» dürfen. Nur so können wir überhaupt aneinander die Freude am Nächsten erleben. Liebe Bundesbrüder! Eine Gesundung des bundesbrüderlichen Zusammenlebens mit den Jüngeren kann ich mir nach dum Gesagten praktisch nur denken in der Wieder autrichtuns; der Leib Verhältnisse in ihrer sinnvollsten Form. Nämlich der, daß der Leibbursche dem Leibfuxen das Leben zeigt und zwar, wie man es als Jude zu leben vermag. Ist der ältere Bundesbnider ein Mensch, der die Zwiespälte. in denen er gefangen war, als er ins Kartell kam, noch nicht vergessen hat, so wird ex imstande sein, den Jüngeren langsam in ruhigere, ersprießliche Bahnen xu lenken. Nicht indem er an ihn schon sofort die Forderungen stellt, um deren Erfüllung er, der um so viel Aeltere, eben jetzt bemüht ist. Dana überkommt den Jungen wieder Kne Unlust aus der Differenz von Bürde und Kraft. Wieviel fähige Menschen hat das Kartell auf diese Weise verloren! Es soll nicht mehr vorkommen dürfen! Dann wird immer geklagt, die Burschen seien für keinerlei „Erziehung" erfaßbar. Man nahm ursprüngKch an, der Bursch werde seine Erziehung in die eigenen Hände nehmen. Da dies aber nur selten zu beobachte i war. fing man an zu jammern. Bei etwas mehr Menschenkenntnis hätte man es vorausgesehen. Denn der Bursch hat nach abgelegtem Burschenexamen meist nichts eiligeres zu tun, als nach der vorhergehendes 'zion^tischen Ueberbürdung, bei der sein nichtzionistischer Mensch verkümmert war - - und in allererster Linie sind wir doen Menschen! — mir um so gründlicher zionistisch zu fanlenzen. Eine ^anz natürliche Reaktor.. Dann aber: Wieviel Menschen haben überhaupt das Bedürfnis, am sich selbst zu arbeiten, und für wieviele stellt es überhaupt eine lnticce Notwendigkeit dar? Und wir wollen uns doch nicht weißmachen, daß wir eine besondere Auslese von Menschen seien, und mit schönklingenden Thesen und Forderungen ändern wir keinen. Wie aber immer nur von einzelnen Punkten aus Kristalle oder Wellen sich bilden, so sind es immer nur einzelne, die berufen sind, andere wirkend um sich zu scharen. Man werte sie deshalb nicht höher, und Gefolgschaft leisten ist keine Schande. Jeder hat eben seine ihm zugedachte Rolle zu leben. Und wir wollen nicht mehr nach der Wirkung, die doch ebenso sehr von der äußeren Konstellation, als von der inneren Kraft abhängt, sondern nach dem g u t e?B Willen werten. Und den kann keiner vortäuschen. Der wahre, gute Wille wird immer fühl b a r sein. Ich wollte hier weniger praktische Wege aufweisen, als von dem Geiste sprechen, in dem allein es möglich sein wird, in Arbeit für unser Volk im Kartell miteinander zu leben. Und so begrüße ich Euch alle aufs herzlichste! Gemeinschaft und Persönlichkeit. Von Felix S a m u e 1 y - Berlin (V.J.St. Hasmonaea-Berlin, a.B.). In letzter Zeit ist von verschiedener Seite die Frage angeschnitten worden, ob die KJ.-Erzichang oder das, was man sich heute als das Ideal der KJV.-Erziehimg vorstellt, geeignet ist, die Charaktere, die heufe das jüdische Volk, mehr als je. nötig hat, heranzubilden. Man hat die veFschiedenste Kritik geübt: mau hat gesagt, der wahre Charakter könne stet-