Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1922)
- Date
- 1922-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Viellecht ist es nötig, uns einmal zu vergegenwärtigen, in welcher Lage wir uns hier befinden und .anter welchen Bedingungen wir hier« werden zu arbeiten und zu leben haben. D a s w a s uns eint, ist das Bewußtsein, dem jüdischen Volke anzugehören. Das, was zwischen uns Blüten treiben sollte, müßte der Wille sein, aus der Liebe r. u u n s ol r e in Volke heraus dieses a Fs Einheit wieder zu belx-ben. Einer der schlichtesten und ernsthaftesten unserer Bundesbrüder sagte mir einmal, als ich noch erstes KJV.-Semester war: „Die Liebe zum Volke, d: a s ist der ganze Zionismus!" Diese 'einfachen Worte in ihrem ganzen tiefen Sinn klangen in mir immer aiS wenn sich mir innerlich je Schweres in den Weg stellte. Sie überwogm mir tausendfach alles Wortgeklingel und alles laute Reden unserer zionistischen Bücherschreiber, darunter ein tätiges* aus einem heißen Herzen kommendes Wollen nur zu leicht erstickt wird, oder zur phrasenhaften Venzerrung erstarrt. Den .imgen Menschen, der zu uns kommt — von denen, die mühselig, mehr oder minder sachlich überredet zu uns geschleift werden, rede ich nicht — aneibt das Verlangen nach gleichgearteter und gleichgerichteter Gemein sehnt: die Sehnsucht nach dem Volke. Diese Sehnsucht nachdem Volke, d'ie jeden erfüllt, dessen Wesen nicht auf eine strenge Abschließing nach außen zielende Notwendigkeit innewohnt. Der aber die Sehn-aicht nach dem Volke hat, der will ganz einfach mit Menschen seines Simens und Empfindens leben. Dies ist das Erste, das wir so oft törichterweise vergaßen: das L e b e n w o 11 e n. Liebe Bundesbrüder! Wir Hachen zumeist den Fehler, daß wir einen solchen Menschen gleich mit Lasten überbürden, deren Sinn er noch gar nicht kennen kann, und die er instinktiv und mit vollem Recht als Zwang, mit dem er innerlich nichts zu am hat, ablehnt. Wir vollen diesen Fehler nicht wieder machen. Wir wollen zuerst leben lassin. Und leben heißt nicht: sich in eine wesensfremde Schablone hineinpressen, sondern leben heißt zu erkennen suchen. Uns selbst und unseren Zusammenhang mit den Dingen um uns. Und daraus wird sich schon ganz allmählich ergeben, was jedem Einzelnen nottut. Wenn wir Unmöglich-Unsinniges wollen, werden wir das Nötig-Mögliche übersehen und eines Tages am Grabe all des Versäumten stehen. W enn aber jeder erkannt hat, auf was sich die Bedürfnisse seines Seins — denn mr im Einklang mit diesen ist ein wahrhaftes, ungezwungenes Arbeiten möglich — richten und welche Kräfte ihm dafür zur Verfügung stehen, dam ergibt sich ganz von selbst, welchen Teil der erforderlichen gemeinsanen Arbeit er zu übernehmen und welches Maß er zu leisten hart Und dabei wollen wir uns zu den Fähigkeiten durchringen. Aibeit als Arbeit zu betrachten und sie zu bewerten nach dem Maße, in dem sie sich der Grenze der im Einzelnen ruhenden Möglichkeit nähert, nicht aber danach, auf welchem Gebiet sie getan wird'. Es darf keine Schande mehr sein — dies muß einmal scharf und klar gesagt werden! — wenn jemand sich nicht imstande fühlt, eine Arbeit, die der Augenblick erheischt, auszuführen, weil er innerlich dazu nicht bereit ist. Und keiner soll mehr das Recht haben. — wir wollen solch einen moralisch ächten —^'ch über einem anderen zu dünken, weil er vielleicht mehr sichtbare Arbeit vollführt. Jeder nach seinen Kräften. Aber jeder nach all seinen Kräiten! Das Wort vom „lOOprozentigen Zionismus" zeigt dadurch, daß es hat entstellen können, in die schwärzeste Nacht des K.IV., in ehe Nacht der Unehrlichkeit und Ueberheblichkeit: eine Nacht, die restlos verschwinden muß, soll das Kartell gesund, lebensfähig werden. Es darf bc. uns niemand mehr vergewaltigt werden! Wir Aeiteren haben ither die lingoren zn wachen, und wir sind für sie verantwortlich.