Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 4 (April 1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 85)
- Language
- German
- Belongs to
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H ist ein Diesseits hinter dem Wunder, ein zunächst in Verzweiflung untergegangenes und dann gnadenweise wiedergeborenes Diesseits." Diese Anschauung, die Brod als jüdische entwickelt, wird mit einer Fülle Materials aus dem jüdischen Schrifttum belegt; und es gewährt einen besonderen Reiz zu sehen, wie Brod dieses Material verarbeitet. Einer der schönsten Teile des Buches sind die Kapitel, die die Deutung und Nachdichtung des „Liedes der Lieder" enthalten. Mir ist diese Dichtung noch nie so lebendig geworden wie durch die Vermittlung Brods. Sehr schön ist auch das Kapitel über Paulus, in dem dieser Apostel als jüdische Persönlichkeit dargestellt wird. Es ist natürlich nicht möglich, im Rahmen dieser Besprechung den Inhalt des Buches zu erschöpfen. Der Zweck dieser Zeilen sollte nur sein, zu einer Beschäftigung mit dem Buche anzuregen. Salli Hirsch -Halberstadt. Vr-J. St. Berlin, V. J. St. Maccabaea Berlin A. H. Gustav Landauer. „Der werdende Mensch"; Aufsätze über Leben und Schrifttum; im letztwilligen Auftrag des Verfassers herausgegeben von Martin Buber; Gustav Kiepenheuer, Verlag, Potsdam 1921. Martin Buber hat im „Heiligen Weg" seinem ermordeten Freunde Gustav Landauer die Grabschrift geschrieben; er setzt ihm jetzt mit der Herausgabe der nachgelassenen Aufsätze ein dauerndes Denkmal. Der zunächst vorliegende Band umfaßt philosophische, literarische und solche politische Arbeiten, die mit den sozialistischen Gegenwartsfragen nicht in unmittelbarer Beziehung stehen, sondern einem allgemeinen Zusammenhang eingegliedert sind. Die somit eingeschlossenen Beiträge sollen — wie der Herausgeber in seinem Vorwort ankündigt — zwei weiteren Bänden zugeteilt werden, deren einer sich wohl mit dem von Landauer selbst veröffentlichten Sammelbuch „Rechenschaft" ganz oder größtenteil decken wird. Doch werden auch diese so konkreten und aktuellen Darlegungen das Bild nicht verändern, das dieser Band dem Leser vermittelt, sondern es nur bestärken: das Bild eines einheitlichen und ganzen Menschen, der — ein Seltener in dieser zerrissenen Zeit — in jedem, was er sieht, und in allem, was er sagt, ganz er selbst ist. Er verliert sich nicht an die Dinge, sondern er fügt sich die Dinge ein, ohne ihrer Eigentümlichkeit und ihrem Selbst-Leben dadurch Gewalt anzutun. So wird, um nur Weniges aus dem überreichen Inhalt herauszugreifen, „Goethes Politik" im Lichte einer unpolitischen Zeit gesehen, die damals wie heute die gleichen Zeichen trägt. Es ist Goethes Problem ebenso wie es Landauers Problem ist: die Sehnsucht des Führers nach dem Volk, des Einsamen nach der Gemeinschaft, Goethes so umdeutetes „Märchen" wird von Landauer als ein utopischer Ruf nach der echten Gesellschaft verstanden, den „Friedrich Hölderlin in seinen Gedichten", den „Lew Nikolajewitsch Tolstoi", den Rousseau, „der größte Schweizer", und noch viele andere Dichter und Führer, die Landauer uns lebendig macht, gleicherweise in die taube und versperrte Welt hineinrufen. Landauer selbst hat an dieser Einsamkeit gelitten und ist, wie in brennender Erinnerung bleibt,- sogar gestorben für den edlen Versuch, sie zu erzwingen. Seine natürliche Gemeinschaft, die jüdische, hat er immer lebendig gefühlt und sich nicht gescheut, diesen Zusammenhang als „national" zu bezeichnen — wenn er auch unter diesem Terminus etwas anderes verstand als der ge- 6*