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Der jüdische Student · 1922-04-01 · Heft 4 (April 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 4 (April 1922)
Date
1922-04-01
Page
[Seite] (sequence 84)
Language
German
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82 zugrenzen. Den entscheidenden Unterschied zwischen den drei Religionssystemen findet Brod in der Stellung zum Diesseits. Der- Heide bejaht das Diesseits unbedingt; es gibt für ihn nichts darüber hinaus; der Christ verneint es ebenso entschieden, „sein Reich ist nicht von dieser Weif. Wie aber steht der Jude zum Leben? Um dessen Stellung zu klären, führt Brod eine Begriffsscheidung ein, die mir außerordentlich fruchtbar zu sein scheint: Bröd unterscheidet „unedles" und „edles Unglück". Unedles Unglück ist das Unglück, das sich aus dem Zusammenstoß des Menschen mit der Außenwelt, mit den Mitmenschen ergibt (das Leid der Koexistenz), edeles Unglück (Leid der Existenz) ist das Unglück, das sich aus dem Zusammenprall des Menschen mit dem Unendlichen ergibt, tlas Leid, das darauf, beruht, daß „zu reicher bewegter Inhalt in ein zu enges Gefäß gesperrt ist" (Gundolf). Durch diese Unterscheidung ergeben sich zwei Bezirke des menschlichen Lebens, in denen die Stellung des Menschen ganz verschieden ist und in denen eine ganz verschiedene Haltung von dem Menschen gefordert wird. Im Bereich des unedlen Unglücks ist der Mensch frei. Hier ist alles in seine - Hand gegeben, hier wird Aktivität von ihm gefordert, hier darf er nicht auf ein Eingreifen von außen, ein Eingreifen Gottes oder der Versöhnung warten. Hierher gehört der ganze Bereich der nationalen Kollisionen, des sozialen Unglücks. Das Judentum erkennt keine „gottgewollten Abhängigkeiten" .an, läßt vielmehr auf diesem Gebiet der Politik freien Spielraum. Die gute Tat wird nach jüdischer Anschauung vom Menschen gefördert. Aber der menschlichen Macht ist eine Grenze gesetzt. Es steht in des Menschen Macht, die gute Tat zu vollbringen; sie freudigen Herzens zu tun, steht nicht mehr in seiner Macht, fe drei Ebenen nämlich kann sich die gute Tat vollziehen. Die niedrigste ist die um der äußeren Vorteile willen; die mittlere die, in der das Gute aus Pflichtgefühl getan wird; in der höchsten wird das Gute aus innerem Triebe vollbracht; Pflicht und Trieb fallen zusammen. Dieses Zusammenfallen von Trieb und Pflicht liegt außerhalb menschlicher Willkür. Hier sind wir in den Bereich des edlen Unglücks gelangt, wo des Menschen Macht nichts mehr vermag, wo Konflikte entstehen, die nur durch einen Akt der „Gnade" lösbar sind. Die Gnade ist nicht rational zu erklären, sondern wir wissen von ihr nur auf Grund des Erlebnisses; wir können sie nicht durch Tätigkeit herbeiführen, sondern können nur in Demut auf sie warten. Hier erhebt sich nun ein besonderes Problem, „die Unvereinbarkeit des Zusammengehörigen", daß nämlich in dem einen Bezirke tätiges Eingreifen, in dem andern abwartende Demut von dem Menschen verlangt werden, daß beide Haltungen einander gegenseitig beeinträchtigen und doch nebeneinander gefordert werden. Denn nach jüdischer Auffassung wird weder der dem Leben ganz gerecht, der vollkommen aufgeht in der Tätigkeit gegen das unedle Unglück und hierin vollkommene Befriedigung findet (da er die Konfrontation mit dem Unendlichen nicht erlebt), noch der, der sich in die Einsamkeit zurückzieht und sich nur mit sieh selbst oder mit Gott beschäftigt Beide Haltungen werden gleich-zeitig vom Menschen verlangt. Auch dieses Problem fällt in die Kategorie des edlen Unglücks, das nur durch die Gnade überwunden werden kann. Durch sie ist es dem Juden möglich, „gleichzeitig Wunder zu fühlen und menschliche Sorgen, die Unwesenheit des Lebens vor Gott zu erkennen und es dann trotzdem zu leben". „Das diesseitige Leben des Judentums ist nicht das heidnische Diesseits, das schlechtweg gegebene und bejahte, es

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