Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 4 (April 1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537768-3537772--5607-3543726- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
77 Und damit sind wir wieder beim Problem des Antisemitismus, von dem wir ausgingen. Seine taktische Bekämpfung muß in der Bekämpfung jener Einstellung bestehen, die, eng und stumpf, das Normalmaß des guten Deutschen aufstellt und jede Abweichung von der Norm bespitzelt und verdächtigt. Es ist kein Zufall, daß die deutschvölkische Gruppe, der Bannerträger des Antisemitismus, sich auch sonst so unbändig beliebt zu machen verstanden hat. In ihren Spuren tritt Naumann einher wie einer von den dümmeren Offizieren des alten Regimes. Das ist der Typ, der die Polen mit so viel Verständnis germanisiert und im Elsaß so große Sympathien für Deutschland geworben hat. Der Typ, der im Kriege das Erzbecken von Briey für eine deutsche Lebensnotwendigkeit hielt und die kleinen Marken mit der Aufschrift „Gott strafe England" als schönen Abortschmuck wohlgefällig betrachtete. Und der Typ, der heute ein eifriger Förderer aller Maßnahmen ist, durch die man Ausländer von deutschen Universitäten fernhält, sie nach Paris und der Schweiz jagt, damit sie nur, wenn es einmal darauf ankommen sollte, wieder da sind, gegen Deutschland zu zeugen* Es ist Geist von diesem Geiste, der jede Zeile unseres Autors sozusagen beseelt. Hier ist die hohe Warte, von der herab ein Jude die Geschmacklosigkeit hat, das Deutschtum seiner Stammesgenossen zu bemängeln. Ein Jammer sondergleichen, daß die deutschvölkische Gruppe eine Rassentheorie aufgestellt hat, die Herr Naumann aus sehr naheliegenden Gründen nicht umhin kann, scharf zu tadeln. Sie hätte sonst in ihm den jüdischen Führer gefunden, den der Antisemitismus einem alten Witz zufolge schon lange gebraucht. Sie wird ihn schwer entbehren, während er seinerseits sich nach einer Partei umgetan hat, die auch noch reaktionär genug ist, um ihm als hinreichend deutsch zu erscheinen, und doch wieder nicht so reaktionär, um ihn seinerseits als unzureichend deutsch zu betrachten. Und nun liegt er in den Armen der deutschen Volkspartei und zeigt uns lockend die Herrlichkeiten eines Daseins, in dem man kerndeutsch empfindet. Die Jugend wird für diese Herrlichkeiten, denkt er, Verständnis haben. Er will den Kampf um die Herzen der Jugend führen und ihre Begeisterung für deutsches Volkstum und Vaterland entfachen. Das denke ich mir an: sich gar nicht schwer, denn das wahre Deutschtum ist eine große und verlockende Aufgabe,, wohl geeignet, jugendliche Herzen zu entflammen. Ob aber Max Naumanns Deutschtum, dies Preußentum mit Pickelhaube und der Moderluft vergangener Zeiten, einer neuen Jugend. wird etwas zu sagen haben — das allerdings dürfte zweifelhaft sein. Unser Jugendführer hat Pech, daß die Umzüchtung, die an ihm geschah, offenbar so langsam vor sich ging, daß er noch in früheren Jahrzehnten weilt und ernsthaft glaubt, mit jener abgestandenen Ideologie, mit der einige Rechtsparteien ihren unvermeidlichen Todeskampf halb komisch kämpfen, eine lebendige, heute von ganz anderen Strömungen beseelte Jugend ergreifen zu können. Und eins wird Herr Naumann dieser Jugend ganz gewiß nicht begreiflich machen können: warum sie sich nämlich ihre Begeisterung für das deutsche Vaterland in besonderen jüdischen Gruppen holen soll. Sie wird finden, daß das ohne Herrn Naumann viel bequemer geht. Und sie wird ihm vielleicht die peinliche Frage stellen, was das eigentlich sei: eine jüdische Gruppe. Und wenn sie dann dahin belehrt wird, daß dies eine Gruppe sei, in der urdeutsche Menschen von größerem Temperament, dementsprechend lebhafterem Gebaren und sonst unterschiedlichen Äuerßerlichkei-