Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 4 (April 1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
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76 Jiaupt das deutsche Gefühl vorwiegend negativ als ein Befreitsein von jüdischen Gefühlen bestimmt). Ein^Deutscher aber, wenn dies Wort kein Rassenbegriff sein soll, ist ein Mensch deutscher Kultur. Und ich wage die Behauptung, daß in dieser Beziehung zwischen einem nationaldeutschen Juden und einem jüdischnationalen bei sonst gleichen Qualitäten menschlicher Art gar kein Unterschied besteht.. Nur daß es dem Zionisten unnötig und geschmacklos erscheint, diese Tatsache seines deutschen Kulturbewußtseins dauernd als ein lärmendes und aufdringliches Bekenntnis von sich zu geben. Der Jüdischnationale allerdings fühlt sich durch diese seine Verknüpfung nicht gehindert, die ganz andersartigen Zusammenhänge, die ihn mit dem Judentum verbinden, nicht auch als innerliche und verpflichtende Angelegenheit anzusehen. Nun kann man von der Zugehörigkeit eines Menschen zu zwei oder gar noch mehr Lebenskreisen, die an sich getrennt sind, in der theoretischen Darstellung nur schwer ein zutreffendes Bild geben. Vor* vielen Jahren hat Franz Oppenheimer über sein Zugehörigkeitsbewußtsein zum deutschen und jüdischen Lebenskreis berichtet und sich dabei in ein Konglomerat der verschiedensten „Bewußtseine" zerlegt. Später hat Max Brod in der „Neuen Rundschau" über die Art seiner inneren Stellung zu Deutschen, Juden und Tschechen geschrieben. Und beide Male entstand scheinbar ein wandelndes Mosaik, von dem man den Eindruck hatte, daß es nur mühsam und durch die kompliziertesten seelischen Kunstgriffe zusammengehalten werden könne. In Wahrheit liegt das keineswegs in der Natur der Sache, sondern nur in der Natur einer begrifflichen Darstellung. Etwa wie ein Psychologe einen Menschen in viele Teile zerlegt, aber keineswegs fähig ist, ihn nun auch wieder zusammenzusetzen, so daß aus der Summe der Teile der ganze ungeteilte, einmalige Mensch entstünde. Es ist sehr leicht, den Zionisten in seine seelischen Bestandteile zu zerlegen und aus dem so gewonnenen Präparat das Zwiespältig-Disharmonische dieses Wesens nachzuweisen. Der Nachweis abe?wird am Präparat und nicht am lebendigen Menschen geführt, in dessen Brust das begrifflich Getrennte durchaus harmonisch sich einen kann. Wenn es anders wäre — würde die große Mehrzahl aller Menschen in einem unerträglichen Zwiespalt dahinvegetieren. Denn die zentrale, alle Lebensziele umschließende Gruppe, in der Abstammung, Glaube, Sprache und Staat restlos sich deckende Kreise bilden, dies endlose Ziel, wie Meineke es nennt — ist noch in geschlossenen Nationalstaaten nicht erreicht; von den Nationalitätenstaaten ganz zu schweigen. Die große Mehrzahl aller Menschen wird von verschiedenen Motiven nach verschiedenen Seiten gezogen und doch nicht zerrissen; es kann im Gegenteil die Verschiedenartigkeit der Nährquellen ihres Wesens sie zu viel reicheren, wertvolleren und umfassenderen Menschen machen, als jener Zufall der Geburt es könnte, der sie in die Einheit aller Lebenskreise stellt, ohne die innere Bemühung des Ausgleichs zu verlangen.. Ein Zwiespalt, häufig die Unerträglichkeit eines Zwiespalts, wird wesentlich durjch ein äußeres Moment bedingt: durch die Unduldsamkeit jener Gruppen, die glauben, den Menschen mit Haut und Haaren verlangen zu müssen. Kurz: meist macht erst religiöser und nationaler Chauvinismus zu einem schwer überbrückbaren Gegensatz, was der Natur der Sache nach durchaus keiner zu sein braucht.