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Der jüdische Student · 1922-04-01 · Heft 4 (April 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 4 (April 1922)
Date
1922-04-01
Page
[Seite] (sequence 77)
Language
German
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75 Sätze überhaupt aus der Welt schaffen, aber er glaubt, sie auf ein sehr erträgliches, sonst unter natürlich differenzierten Gruppen übliches Verhältnis zurückführen zu können. Ihm erscheint als das Wesentlichste an der gegenwärtigen Situation, das mit dem Andersartigkeitsgefühl fast immer verbundene Verachtungsgefühl, das auf die anormale Lage der überall als Minorität unter Majoritäten schutzlos verstreuten Juden zurückzuführen ist. Durch die ungeheure Leistung, die die Schaffung eines neuen jüdischen Gemeinwesens darstellen würde; durch die Existenz dieses auf normalen volklichen Grundlagen ruhenden Gemeinwesens — würde, so glaubt der Zionismus, das Antlitz des Juden in den Augen der anderen sich wandeln. Das Bild des unproduktiven zersetzenden Händlerjuden, das durch die tatsächlichen Leistungen des Zionismus schon jetzt in neues Licht gerückt wurde, könnte allmählich überhaupt einem neuen Bilde Platz machen, das das Gefühl der Andersartigkeit nicht auslöscht, aber mit dem der Achtung verbindet. Dieser Teil der zionistischen Auffassung, dessen nähere Begründung eine Darstellung der zionistischen Gesamttheorie erfordern würde, bedeutet im Hinblick auf den Antisemitismus gleichsam die zionistische Strategie. Hier aber interessiert nur die zionistische Taktik, will sagen: die Stellung zu dem gegenwärtig in Deutschland durch den Antisemitismus konkret gegebenen Problem. Naumann betont, daß die von zionistischer Seite häufig vorgebrachte Formel vom deutschen Staatsbürgertum, das gewisse zu erfüllende Pflichten auferlege, über die hinaus niemand nach seiner inneren Stellungnahme gefragt werden dürfe, völlig unzulänglich sei. Und für mein Gefühl hat er darin ganz recht. Diese Formel ist schon deshalb unzureichend, weil sie den Tatsachen nicht entspricht. Es ist nämlich einfach nicht wahr, daß der deutsche Zionist zwar seine Steuern bezahlt, im übrigen aber dem Deutschtum kühl bis ans Herz hinan gegenübersteht. Auch der deutsche Zionist ist ein Kind deutschen #Bodens und deutscher Kultur. Deutsche Landschaft gab ihm das Urerlebnis des Naturgefühls; deutsche Sprache di? Möglichkeit der Bildungserlebnisse. Besonders diese Tatsache, daß die deutsche Sprache die einzige ist, die der deutsche Zionist so vollständig beherrscht, wie man eine Sprache beherrschen muß, wenn sie mehr als Begriffe vermitteln, wenn sie durch den Geist ihrer Form in Tiefen führen soll, wo das wahre Verständnis, jenseits des Begriffes, gerade erst beginnt — diese Tatsache besonders ist einfach ausschlaggebend. Ein Rassentheoretiker, ein Deutschvölkischer könnte sie für belanglos halten. Aber wenn '"man gleich Naumann den Deutschen nicht als Rassentyp, sondern nach der Stärke seines deutschen Gefühls bestimmt, dann wäre nur noch die Frage zu entscheiden, was das eigentlich ist: das deutsche Gefühl. Mir scheint eine * ungeheure, nie zu lösende, innerlich ewig Jjindende Verkettung mit dem Deutschtum für jeden zu bestehen, der in diesem Deutschtum aufgewachsen und einer seelischen Bildung^ durch Kultureinflüsse überhaupt fähig ist Und in dieser tatsächlichen inneren Verknüpftheit sehe ich den Gradmesser für die*Beziehungen, die jemand zum Deutschtum unterhält. Ich spreche in diesem Zusammenhang absichtlich nicht von Liebe und Dankbarkeit, weil das bereits bewußte Affekte sind, die erst aus der Tatsache eines Durchtränktseins mit deutscher Kultur abgeleitet werden können. Naumann hingegen spricht nur von diesen abgeleiteten Affekten, (sofern er nicht über-

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