Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 4 (April 1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 76)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Wäre es anders, ginge es nach Gefühl — dann dürften wir schon heute in Westeuropa, wo ungeheuer viel Geist aufgewandt wurde, den Interessen der Wirtsvölker zu dienen, und ungeheuer viel Liebe, die Anpassung so gründlich wie möglich zu vollziehen — wir dürften schon heute in "Westeuropa einen Antisemitismus nicht mehr haben. Juden sind sogar immer besonders gute Patrioten gewesen, weil sie sich immer verpflichtet fühlten, für die empfundene Andersartigkeit einen Ausgleich zu schaffen, und weil als Stiefkinder behandelte Menschen für jede Freundlichkeit besonders dankbar sind. Naumann, der vom Sein der Menschen überhaupt nicht redet, sondern immer nur mit Gefühlen jongliert, beachtet deshalb auch nicht, daß der antisemitische Instinkt den deutschen Juden von der Gesamtjudenheit nicht trennt. Der Zusammenhang, den Herr Naumann leugnet und der für ihn wirklich nicht bestehen mag, besteht für die Nichtjuden. Man kann deshalb selbst den Teil der Judenfrage, der Antisemitismus heißt, nicht nur unter deutschem Gesichtswinkel sehen wollen, Unser Denker hat sich hier eine ungemein kindliche Theorie zurechtgemacht. Er beweist in einem langen Kapitel, das Richtiges und Falsches gleichzeitig enthält und das im übrigen gar nicht weiter der Rede wert ist, die Unrealisierbarkeit des Zionismus. Und warum das? Um dann sagen zu können, daß gegen den Zionismus gar nichts einzuwenden wäre, wenn wirklich Aussicht bestünde, alle Zionisten in kurzer Frist durch Palästina loswerden zu können. Nun bleibt zwar immer noch die Frage offen, wie er sich auch der Zwischenschicht, die doch des unbeeinflußbaren Gnadenaktes nicht von heute auf morgen teilhaftig werden kann, entledigen will, aber überhaupt außerhalb seines preußischen Horizonts bleibt die Existenz von sechs Millionen Juden an der östlichen Grenze, von den übrigen ganz zu schweigen. Angenommen selbst, daß durch Naumann-Stresemannsches Dekret die Grenzen hermetisch geschlossen werden könnten — die Tatsache der jüdischen Volksexistenz hart an dieser Grenze kann doch durch Broschüren, selbst vom Altmeister Naumann persönlich verfaßt, nicht einfach wegtheoretisiert werden. Und diese Tatsache ist allerdings voll wesentlichem Einfluß auf das Fremdheitsempfinden des Deutschen gegenüber dem Juden. Das jüdische Volk bleibt immer der dunkle Schatten noch des assimiliertesten Juden, mag er ihm auch, ein umgekehrter Peter Schlemihl, in Naumannschen Sprüngen zu entrinnen suchen. Aus alledem ergibt sich, daß die Theorie von den drei Gefühlsgruppen erstens an sich falsch ist, weil sie den Tatsachen nicht entspricht, und daß sie zweitens politisch in doppeltem Sinne verfehlt ist. Einmal weil der politische Antisemitismus diese Theorie eines Juden, der den größten Teil der deutschen ^Juden für undeutsch erklärt, ohne daß Hoffnung auf Änderung bestünde, in seinem Sinne ausnutzen wird. Und dann, -weil der wahre Antisemitismus, das auf einem Andersartigkeitsgefühl beruhende Volksempfinden, so wenig wie durch die patriotischen Versicherungen des Zentralvereins durch die Tiefe der Naumannschen Naturmystik entscheidend berührt werden kann. IV. Es läßt sich in diesem Rahmen nur andeuten, daß der Zionismus die Verwirklichung seiner Pläne für eine entscheidende Bekämpfung des Antisemitismus hält. Der Zionismus glaubt nicht, die natürlichen Gruppengegen-