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Der jüdische Student · 1922-04-01 · Heft 4 (April 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 4 (April 1922)
Date
1922-04-01
Page
[Seite] (sequence 75)
Language
German
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73 Mehrheit der deutschen Juden wirklich für Deutschland wie ein echter Sohn gefühlt und entsprechend auch gewirkt hat, ist dem Antisemitismus immer gleichgültig gewesen. Und konnte ihn seiner Natur nach auch gar nicht berühren. Dabei denke ich natürlich nicht an den politischen Geschäftsantisemitismus, der Instinkte ausnutzt, sondern an den wahren Antisemitismus, der Instinkt ist. Das ist ein sehr primitiver, ganz ursprünglicher und^ftfcshalb wahrscheinlich auch nicht ausrottbarer Instinkt. Er beruht einfach auf dem Gefühl von etwas Andersartigem. Und es liegt in der Natur des Menschen; in besonderem Grade des primitiven Menschen der Volksmasse, das Andersartige gleichzeitig auch als das Feindliche und Minderartige zu sehen. Ein entwickelterer Intellekt kann schließlich zwischen diesen Begriffen eine Trennung vollziehen. Aber gegen das Gefühl der Andersartigkeit, also des Fremden und nicht Zugehörigen, bleibt auch er machtlos. Dieser antisemitische Fremdheitsinstinkt, der nur ein Sonderfall der Volksgegensätze überhaupt ist, bleibt von den Gefühlen der Juden gegen ihre Umgebung in seinem letzten Wesen unabhängig. Gruppengegensätze, die auf natürlicher Differenzierung beruhen, haben nämlich nichts mit den Gefühlen der Menschen, sondern nur mit ihrem Sein zu tun. Und um die Tatsache des jüdischen Seins, will sagen: des jüdischen Menschen, einer besonderen menschlichen Form also, kommt auch ein Naumann nicht herum. Es bleibt ihm nichts übrig, als auch seinerseits die Tatsache des Stammesjudentums zuzugeben, wenn er sich auch bemüht sie in ihrer Bedeutung nach Kräften zu bagatellisieren. Er spricht in diesem Zusammenhang nur von Belanglosigkeiten, wie dem Temperament und der entsprechend größeren Lebhaftigkeit des Juden; einmal auch von „Äußerlichkeiten der körperlichen und geistigen Veranlagung". Äußerlichkeiten der geistigen Veranlagung grbt es wahrscheinlich nur für Tendenzbroschüren. In Wahrheit ist die Art der geistigen Veranlagungen immer so wenig etwas Äußeres, daß durch ihre Verschiedenheiten die Fülle der Kulturen "* geschaffen wurde. Und auch der Jude, noch der assimilierteste, stellt eine besondere menschliche Form dar, die gleiche Inhalte auf besondere Weise verarbeitet. Der künstlerisch-schöpferische Jude ist der tiefste und reinste Ausdruck dieser Tatsache. Daß jüdische Dichter, Maler und Musiker durch <lie „Äußerlichkeit" ihrer geistigen Veranlagung die Innerlichkeit einer Kunst geschaffen haben, die gewiß keine jüdische ist, aber Merkmale des Juden unverkennbar trägt — steht für Menschen mit Kunstgefühl fest. Es ist hier "nicht der Ort, Dingen so diffiziler Art im einzelnen nachzugehen./Und es ist auch nicht notwendig. Denn es kommt in diesem Zusammenhang nicht . darauf an, ob das alles so ist, und ob Herr Naumann einsieht, daß es sb ist, sondern darauf, ob der Deutsche den Juden nur durch Äußerlichkeiten oder auch durch sein inneres, vom Gefühl unabhängiges Sein von sich unterschieden weiß. Die Antwort darauf kann nicht zweifelhaft sein. Hier besteht wirklich ein naturgegebener Unterschied, der Unterschied zweier menschlicher Formen, der von der ^Gleichartigkeit bewußter Gefimlsstellungnahme unabhängig ist. Naumann bestimmt den Deutschen nach der Stärke seines Gefühls für das Deutschtum. Das mag er tun, der Deutsche macht es nicht mit. Xaver Huber braucht nicht deutsch zu empfinden, um als deutsch empfunden zu werden. Naumann aber muß in Broschüren mit Gebrüll nationaldeutsch empfinden, ohne deshalb so empfunden zu werden, wie er seinerseits empfindet und empfunden werden möchte.

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