Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 4 (April 1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Wenn man also durchaus nicht behaupten kann, daß dejr Zionist sich vom Zwischenschichtler dur.ch die größere naturgegebene Stärke seines jüdischen Gefühls wesentlich^ unterschiede, wird als einigermaßen gewagt auch die Behauptung erscheinen, nach der der nationaldeutsche Jude von seinen Stammesgenossen durch den naturgegebenen Mangel an jeglichem jüdischen Gefühl getrennt sein soll. Denn so wenig ein Mensch durch Charakterisierung seiner bewußten Gefühlswelt hinlänglich umrissen ist, so wenig ist wieder seine sichtbare Handlung Maßstab auch nur seiner bewußten Gefühle. Es soll z. B. vorkommen, daß jemand eine Marie liebt und nachher doch jene Lotte ehelicht, die den Wurstladen hat. Und schließlich mit der Zeit, besonders wenn der Wurstladenw geht, soll er auch , an der Lotte tatsächlich Gefallen finden und sich an die Marie kaum mehr erinnern können. Das sind die Menschen, denen es wohl geht auf Erden und die sich Häuser bauen. Und es ist nicht einmal gesagt, daß sie immer subjektiv unehrlich sein müssen. Gefühle sind wandelbar, und es steht nirgends geschrieben, daß man sich immer an die unbequemsten halten muß. Nun glaube ich zwar Naumann persönlich aufs Wort, daß er sich durch einen auffallenden Mangel an jüdischem Gefühl von -der großen Majorität seiner Stammesgenossen unterscheiden mag. Wenn ich aber Namen und Titel seiner Anhänger lese: all der Kommerzienräte, Justizräte und Sanitätsräte rings im Reich -ikennen muß man sie, die gehaßten Verwandten — dann muß ich immer wieder an den Wurstladen denken und an die Marie, von der man schließlich wirklich nichts mehr weiß. Das scheint mir alles sehr begreiflich zu sein und mit mystischen Naturereignissen, Seelenwandlungen und Umzüchtungsprozessen verflucht wenig zu tun zu haben. Alles in allem also: Naumanns Fundament, seine drei natürlich gegebenen Gefühlsgruppen, die mit den politischen noch außerdem zusammenfallen' sollen — dies Fundament gerät schon beim ersten Hinsehen stark ins Schwanken. Nun ist aber nicht so wichtig, was er sagt, als warum er es sagt. Denn ausschlaggebend ist ja sein politischer Anbiederungswille, der sich erst nachträglich ein Rechtfertigungslaternchen angezündet hat. Warum, fragt man sich, dieser ganze Humbug von der Unabänderlichkeit der drei nahezu mystisch entstandenen Gefühlsgruppen? Warum sagt er nicht einfach, sein Herz schlage kerndeutsch und basta? Weil das der Zentralverein vor ihm auch schon getan, und weil dem das auch schön nichts genützt hat. Er geht also weiter und erklärt sein Deutschtum nicht nur für ein Bekenntnis," das schließlich jeder abgeben könnte, sondern für eine Naturtatsache, die „das fremde Gewächs zu einem kerndeutschen umgezüchtet" hat. Das ist zwar keineswegs glaubwürdiger, auch wenn man noch so lyrisch darüber singt, aber es ist die einzige Möglichkeit, den Zentralverein noch zu übertrumpfen. Weiteren Forschungen in dieser Richtung, die das eigentlich deutsche Wesen überhaupt in den Juden verlegen und dem slawisch-germanischen Mischgezücht auf deutschem Boden mit Skepsis gegenüberstehen, ist der Weg gebahnt. III, Am ulkigsten ist, daß mit dieser komplizierten Gefühlstheotie, selbst wenn sie richtig wäre, noch immer kein antisemitischer Hund vom Ofen gelockt werden könnte. Daß nämlich schon seit langem die überwiegende