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Der jüdische Student · 1922-04-01 · Heft 4 (April 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 4 (April 1922)
Date
1922-04-01
Page
[Seite] (sequence 73)
Language
German
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7* jüdischen Gefühl hat das nur insofern zu tun, als es natürlich in gewissem Qrade vorhanden sein muß, um auf die Bahn gerade dieser Idee zu führen. Aber es ist ganz falsch zu behaupten, daß die Masse der deutschen Zionisten ursprünglich und von Natur bereits über ein irgendwie stärkeres jüdisches Gefühl verfügte als die Masse der Zwischenschichtler. Ihr Unterschied bestand in der Möglichkeit, ja, der Notwendigkeit ihrer Natur, sich zu entscheiden; neue Gedanken überhaupt denken und den Kampf mit dem Hergebrachten aufnehmen zu können. Soweit Menschen dieser Art nicht zum Zionismus kamen, waren sie für nationale Dinge (also auch nationaldeutsche) meist überhaupt unzugänglich und suchten ihre Befriedigung auf anderen Gebieten geistigen Lebens. Ich sehe also in der Zwischenschicht (unter nationalem Gesichtspunkt) die große Masse der geistig Trägen, der von einer Idee nicht beseelten, die den alten gebahnten Pfad gehen, während links und rechts von ihnen neuer Pioniergeist neue Wege ebnet, auf denen auch bald wieder eine stumpfe Masse nachfolgen wird. Man denke nur an die Kämpfe der Zionisten mit den sogenannten Liberalen. Hinter dem zufälligen Zionisten, der seiner größeren Ausdrucksfähigkeit wegen die zionistische Sache vertreten durfte, standen Menschen, die von ihrer Idee nicht minder, vielleicht sogar stärker durchdrungen waren als die belanglose Vordergrunderscheinung, die zufällig besser reden oder schreiben konnte. Hinter den anderen aber standen nichts als Nachbeter und vorwiegend eine uninteressierte Masse, die sich vielleicht im stillen wunderte, ihren bequemen Trott mit so schönen Worten gerechtfertigt zu sehen. Das besagt aber nichts über einen Mangel an jüdischem Gefühl, sondern nur über einen Mangel an menschlichen Qualitäten, der ein opfervolles Aktivwerden dieses Gefühls nicht zuließ. Ich habe als junger Student viel „gekeilt" und hatte meistens bereits nach dem ersten kürzen Gespräch mit einem unbeeinflußten Studenten ein deutliches und selten getäuschtes Empfinden dafür, wieweit jemand für unsere Sache prädisponiert war oder nicht. Dies Gefühl aber war immer abhängig von der geistigen Gesamthaltung des Betreffenden: ob einer für eine Idee überhaupt empfänglich war oder nicht. Und hatte jemand die Möglichkeit zur Idee, dann war auch das jüdische Gefühl — es konnte noch so latent sein — zu wecken. Ja, zum Bewußtsein geweckt muß es sogar in fast allen Fällen werden, denn es liegt bei den assimilierten und verschüchterten deutschen Juden fast nie auf dem Präsentierteller. Aber es läßt sich auch in fast allen Fällen wecken. Die Zahl der stumpfmaterialistisch gerichteten Juden mag Legion sein; die Zahl derjenigen, in denen unter keiner Voraussetzung der jüdische Funke geschlagen werden kann, ist unglaublich gering. Und so wenig unabänderlich ist die bewußte Gefühlswelt eines Menschen, daß ich mich sogar zu der Behauptung versteige, Herr Naumann dürfte, sofern seine Idee der unseren gleichwertig wäre (wofür ich sie, die Wahrheit zu sagen, nicht halte), an sich ziemlich unter derselben Jugend seine Anhänger finden wie wir. Gegeben und unabänderlich ist nur das, was ich die Form des Menschen nennen möchter seine geistigen und seelischen Möglichkeiten nämlich. Aber welcher konkrete Inhalt diese Form schließlich bewußt erfüllt, das ist häufig sehr von äußeren Voraussetzungen abhängig. Und wer für eine Sache sich verzehrt — von dem steht nur fest, daß er sich verzehren muß. Dies allein ist ihm vorausbestimmt; die Sache selbst sagt nur sehr bedingt über ihn aus.

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