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Der jüdische Student · 1922-04-01 · Heft 4 (April 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 4 (April 1922)
Date
1922-04-01
Page
[Seite] (sequence 72)
Language
German
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yo sich nicht umzüchten lassen wollen, und was die Nichtjuden anbetrifft, so könnte es sein, daß sie auf diesen Umzüchtungsprozeß auch gar keinen Wert legen. Der peinliche Gedanke taucht auf, daß Naumanns ganzes Fundament leicht wacklig ist. Wir wollen mal ein bißchen daran stoßen. II. Dem Politiker Naumann steht Naumann, der Denker, nicht nach. Er behauptet zwar bescheiden, nicht originell zu sein. Ich aber verbürge mich dafür, daß er sogar sehr originell ist; zugegeben selbst, daß er aus der zionistischen Literatur vieles mit Nutzen entnommen hat, was vor dieser Literatur unbekannt war. Aber welcher Denker wäre ohne Vorgänger? Wesentlich bleibt, was einer aus dem Gegebenen macht. Und was Naumann $us den zionistischen Gedankengängen macht, ist unsagbar neuartig, einmalig und ganz und gar Eigenprodukt. Schon seine Operationsbasis, die Einteilung in die drei Gefühlsgruppen, ist grundsätzlich falsch. Ich will natürlich nicht leugnen, daß es Juden von verschiedenen Stärkegraden jüdischen Empfindens gibt; aber ich zweifle sehr, daß eine Einteilung nach diesem Gesichtspunkt mit den drei politischen Gruppen zusammenfällt, die Naumann Nationaldeutsche, Jüdisch- Nationale und Zwischenschicht nennt. Denn erstens sind die feewußten Gefühle der Menschen (und darum handelt es sich bei politischen Gruppierungen) keineswegs mystisch gegebene Unabänderlichkeiten; und zweitens besteht durchaus keine Gewähr dafür, daß die Menschen immer nach ihren Gefühlen handeln. Wir dürfen die Ghettojudenheit zur Zeit, als sie in die europäische Kultur eintrat, als eine im wesentlichen einheitliche Masse betrachten, innerhalb deren es natürlich — wie in jeder. Volksgemeinschaft — Elemente von größerer _und geringerer Durchdringlichkeit des Nationalcharakters gab, die also von dem nun einsetzenden Assimilationsprozeß mehr oder weniger erfaßt wurden. Nach Naumann soll hier bereits der Keim zu seinen drei Gruppen liegen. Mir scheint es glücklicher, die Zwischenschicht als die historische Stammgruppe anzusehen, die aus den Irrtümern des Emanzipationszeitalters mit historischer Notwendigkeit entstehen mußte und die in sich die kompakte Masse der emanzipierten Juden (wenn auch in verschiedenen Assimilationsgraden), barg. Dem Irrtum folgte die Erkenntnis des Irrtums und hieß zunächst Zionismus. Jetzt löst sich aus der Zwischenschicht eine neue Gruppe, von der es mir aber höchst fraglich und jedenfalls gänzlich unbeweisbar erscheint, ob und wieweit ihre Loslösung durch den Grad der vollzogenen oder besser nicht vollzogenen Assimilation bestimmt wurde. Ein auf jeden. Fall viel entscheidenderes Moment ist von Naumann einfach übersehen worden. Die Abtrennung von einer historisch gewordenen Gruppe mit historisch überkommenen Anschauungen und Lebensformen erfordert vor allen/ eins: ein Verhältnis zur Idee überhaupt. Um Zionist zu werden — ich spreche von früheren Jahren, in denen man noch nicht als Mitläufer zum Zionismus kam — mußte man vor allem überpersönliche Dinge als persönlich bestimmend anerkennen, zu einer Idee Ja sagen und sich ihr zum Opfer bringen können. Hier liegt das in- Wahrheit Entscheidende. Mit dem

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