Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 4 (April 1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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Vorgänge gebildeten Gruppen sind also unabänderlich gegeben. Die Frage, iür wie lange Zeit diese Unabänderlichkeit Geltung haben, soll, läßt unser Völkerpsychologe gnädig im Dunkel. Er . droht zwar, die Jugend seinerseits infizieren zu wollen, aber nach seiner Naturtheorie ist anzunehmen, daß mir dem Teil der Jugend sein reicher Born wird fließen können, den ihm die Gunst der Natur bereits hinlänglich vorgebildet hat. Die große Masse aber der nicht Prädisponierten wird nicht nur in dieser Generation, sondern auch in der künftigen des wahren Deutschtums ermangeln und neidisch auf jene hehre Tafelrunde um den Ritter Naumann sehen müssen, die des Gnadenaktes teilhaftig wurde. Und da sind wir wieder bei der Kardinalfrage, warum der also Begnadete, statt in der verliehenen Weihe dankbar zu verharren, die änderen Gnadenempfänger um sich schart und mit ihnen politischer Verband spielt. Politik muß ändern wollen. Und da an den Juden nichts geändert werden kann, wird wohl die Absicht bestehen, an den Deutschen etwas zu* ändern, und zwar offenbar ihre Meinung über die deutschen Juden. Mit anderen Worten: Herr Naumann begeht auf seine Art die Einweihungsfeier in der Fasanenstraße. Er hat eine geschmackvollere und würdigere Form, aber Jn ihr ruht, der Geist einer noch ungleich wilderen Groteske. Als der Zentralverein — er mag hier als Inbegriff der offiziellen Judenheit und gleichzeitig als Hauptorganisation der von Naumann bemängelten Zwischenschicht stehen — als der Zentralverein sich vor den Zionisten die Glorienkrone des Deutschtums aufsetzte, war dagegen zwar alles einzu- , wenden, was ich später dagegen noch einwenden werde, aber es hatte wenigstens einen gewissen politischen Sinn. Die geschlossene Majorität der deutschen Juden rückte um ihrer Stellung in Deutschland willen von den paar Zionisten ab. Sie äußerte dabei auch nicht, daß die Zionisten ein für allemal des Deutschtums unfähig wären, sondern schilderte sie als verrannte und gefährliche Gesellen, die aber im Prinzip auf den Pfad der Tugend zurückgeführt werden könnten. Der eigene Tugendpfad, durch diesen Gegensatz um so heller beleuchtet, sollte gleichzeitig ein Mittel im Kampf gegen den Antisemitismus sein. Was aber macht unser politischer Naumann? Er erklärt die Gesamtheit der deutschen Juden, ausgenommen sein Grüppchen, des wahfen Deutschtums für unfähig, und zwar ein für allemal. Wenn der Hammer-Verlag ein Preisausschreiben erließe, durch welche Maßnahmen der Antisemitismus entscheidend gefördert und ein Pogrom mit Beschleunigung herbeigeführt werden könnte, Naumann "dürfte sich den ersten Preis holen. Man fragt sich verblüfft, was der Mann eigentlich will. Ich möchte der häßlichen Annahme, daß er in der deutschen Politik — die deutsche Volkspartei hat ihn der nächsten Wahlen wegen sehr lieb — ein Röllchen zu spielen begehrt, und daß es ihn herrlich dünkt, mit Stresemann Arm in Arm zu wandeln, — eine ausschlaggebende Bedeutung nicht beimessen. Ich glaube vielmehr, daß er entgegen seiner Theorie (wer wird sich immer an Theorien halten?) doch damit rechnet, .immer weitere jüdische Kreise in den von ihm eingeleiteten Anbiederungsprozeß einzubeziehen und uns so allmählich herrlichen Zeiten entgegenzuführen. Er berührt sich hier mit wiiheim, m auch ein großer Politiker war und dem die pistönitijj seiner ^herrlichen Zeiten trotzdem nur unvollständig gelang. Auch Naumann, fürchte "ich sehr, dürfte seine Schwierigkeiten haben. Die Juden nämlich werden