Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 4 (April 1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
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66 schichte und der praktische Aufbau sich in wenigen Jahren vor unseren Augen entwickelt. Man kann ein Rennen nicht schon am Start gewonnen haben. - — „So gewiß, wie der Herr lebt, so gewiß wie Abrahams Gott uns aus der ägyptischen Knechtschaft geführt und uns Kanaan gegeben hat, so gewiß wird er die Verheißung erfüllen und un§ Land, Stadt und Tempel wieder schenken!" — „Geschehe Dir, wie Du glaubst! Der Tempel soll aufgebaut werden, wenn auch nicht in drei Tagen, wie der Gaiiläer meinte." (Strindberg, Historische Miniaturen.) Der Ru*f der Völker. Es hat Völker gegeben, die allerlei Spitznamen hatten z. B. „Hammeldiebe", was nicht auf einen guten Ruf schließen ließ. Wenige Monate später waren die Hammeldiebe begehrte Bundesgenossen und, wenn man sie wirklich gewann, sogar liebe Bundesgenossen und, wenn sie sich in ausreichendem Umfange als Kugelfang benutzen ließen, sogar tapfere Bundesgenossen. Der Ruf der Deutschen im Auslande ist ähnlich wie der Ruf der Juden in Deutschland. Das hat die Deutschen aber noch nie veranlaßt, darüber nachzudenken, ob der Ruf der Juden nun auch wirklich berechtigt ist. Die Juden aber sollen wissen: ihr Ansehen steht zum ersten Male seit Jahrhunderten wieder auf dem Spiel. Gelingt der Zionismus, so wird die Verachtung weichen, auch wo die Antipathie bleibt und auch zu Gunsten der Juden, die nicht in Palästina sein werden. Mißlingt der Zionismus, so wird die Verachtung gegen alle, Zionisten und Nichtzionisten, verstärkt bleiben — und dann zum ersten Mal berechtigt sein! Sprachentwickelungen. Wer nicht daran glaubt, daß die hebräische Sprache wieder zur Volkssprache werden kann, mag studieren, wie manche anderen Sprachen, z. B. ungarisch „künstlich gemacht" oder z. B. deutsch mit Gewalt in die Schichten der Gebildeten getragen sind. Wenige haben die Entwickelung bewußt herbeigeführt. Manches Mal, wenn man die Geschichte überfliegt, kann man finden, daß die Lage der Juden nicht in dem Grade außer allen Vergleichsmöglichkeiten steht, wie wir meist anzunehmen geneigt sind. Formen und ihr Zweck. Wie in jede, auch nichtpölitische Organisation hat die Bewegung der deutschen Umwelt auch ihre Schatten in das K. J. V. geworfen. Der Kampf um die Formen wurde ausgefochten. Das Ergebnis scheint mir, mutatis mutandis, allgemeingiltig zu sein: Formen sind unter einer Mehrheit von Menschen unbedingt nötig, sie dürfen aber nie Selbstzweck oder-unvernünftig (Kneipkomment) werden. Sie müssen elastisch und nach den Zeitbedürfnissen veränderlich sein, innerhalb ihres Geltungsgebiets aber streng und mit Energie gehandhabt werden. Soweit sie^ als brauchbar aus fremdejn Kreisen genommen werden, sind sie nach eigenen Bedürfnissen selbständig umzu-