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Der jüdische Student · 1922-04-01 · Heft 4 (April 1922) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 4 (April 1922)
Date
1922-04-01
Page
[Seite] (sequence 67)
Language
German
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63 Unmöglichkeiten. Als die erste Lokomotive zum ersten Male abfahren sollte, hatten sich alle Vernünftigen eingefunden, um hohnlachend festzustellen, daß die Räder sich auf der Stelle drehen werden. Die Räder kamen aber vorwärts und die Vernünftigen zogen betreten ab. So oder ähnlich war es mit allen Erfindungen und Entdeckungen der Technik (Flugzeugsystem „Schwerer als die Luft"), der Medizin (Schleich, lokale Betäubung) und aller Gebiete, so auch mit allen politischen Ideen. Erstes Stadium: Man schweigt das Neue tot; ob „liberal" oder reaktionär, ist in diesem Falle gleichgültig. Zweites Stadium: Man lacht. Drittes Stadium: Man „beweist", daß die Idee undurchführbar ist. Das Heer der Sachverständigen marschiert (öder tritt auf der Stelle): Sie zeigen, daß z. B. der Krieg nur drei Mönate dauern kann, weil es nachher kein Geld mehr gibt, oder daß ein Volk nicht existiert, welches einige Monate später einen eigenen Staat hat, oder daß die Engländer Mangels der allgemeinen Wehrpflicht kein Heer aufstellen können oder daß die Amerikaner nicht in der Lage sind, in den Krieg einzugreifen usw. Abgesehen davon, daß man für jede Meinung Gutachter findet, sind sämtliche Gutachten falsch, weil in jeder Kalkulation ein Posten fehlt: Die Macht der Idee. Dieser übersehene Posten gibt meistens den Ausschlag. Da die Sachverständigen bei nicht Gewinn bringenden Ideen immer das Urteil „unmöglich" fällen und tatsächlich nicht alle Ideen durchgeführt werden, haben sie von vornherein zu einem bestimmten Prozentsatz recht, in den andern Fällen spekulieren sie mit Erfolg auf die Vergeßlichkeit des Publikums, schwingen sich mit affenartiger Geschwindigkeit auf die Plattform der gegebenen Tatsachen (viertes Stadium; häufig: Glück und Ende der Idee) und haben alles vorher gewußt. Das Risiko tragen die Narren und die Utopisten, letzten Endes aber haften nur sie im Gedächtnis. Moses Heß, der ein Einzelner war, lebt heute wieder auf, die Liberalen seiner Zeit sind längst vergessen. — Die erste Unmöglichkeit des Zionismus war die Schaffung der politischen Grundlage; sie ist heute da. Jetzt ist die praktische Ausführung genau so „fast unmöglich" wie damals die politische Grundlage. Geduld. Wer T)is 1918 den Zionismus für unmöglich hielt, beschwert sieh heute, daß der Zionismus noch nicht durchgeführt sei, da man doch seit drei Jahren die offizielle .Erlaubnis zur Durchführung erhalten habe. Jemand hat einmal gesagt: „Die Engländer denken in Erdteilen und in Jahrhunderten." Es scheint, daß andere Völker (z. B. Juden, übrigens auch die Deutschen) in Vereinen und in Sekunden denken. Ein Volk ist seit 2000 Jähren unterwegs, zersprengt, fast-ohne Bauern und ohne Arbeiter; ein Teil im Abfall begriffen, der stärkste Teil durch Gewalt von außen in Auflösung und ohne jede Aktionsmöglichkeit, der zweitstärkste Teil jahrelang ohne politisch-bewußte. Führer, andere Teile durch die Valutaverhältnisse ausgeschaltet, ohne Geldmittel — aber alle, die nichts getan haben,, sind empört, daß noch nichts fertig ist. (Inzwischen gelingt es den großen, mit allen Machtmitteln ausgestatteten Völkern der Erde nicht, nach einer nur wenige Jahre* dauernden Störung im eigenen Lande" zu Rande zu kommen). Im Verhältnis zu den tatsächlichen Zuständen ist es beinahe unverständlich, in welchem Tempo die jüdische Ge^ 5

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