Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 4 (April 1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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deutsch-politischen Fortsehritts in der jüdischen Gemeinde reaktionär regiert?*) Macht Assimilation konfliktfrei? — oder bankerott? Um dies zu sehen, muß man allerdings über solche Dinge nachdenken und da — ich gebe es glatt zu — ist die erstarrte Masse der Assimilanten in vorteilhafterer Position als die Zionisten es sind. * Kultur und Zivilisation. Philippson erhebt in seiner „Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes" für viele den Einwand gegen den Zionismus; „Die Vorstellung, daß sie ihr Dasein inmitten der Ordnung und Behaglichkeit der modernen Zvilisation mit dem Leben in dem unkultivierten und durch die türkische Mißwirtschaft** zerrütteten Palästina, an der Seite von hunderttausende^ ihrer geistig und seelisch zurückgebliebenen polnischen und russischen Glaubensbrüder vertauschen sollten, war ihnen durchaus widerwärtig." Nicht durchaus widerwärtig ist aber, in einem Staat zu leben, in dem man Bürger vierter Klasse ist und in dem Volk und Behörden sich keine Gelegenheit zur moralischen Demütigung entgehen ließen, der aber immerhin mit Geschützen, Giftgasen und Flammenwerfern die Ordnung und Behaglichkeit der modernen Zivilisation verbürgte. Dieser Masse der deutschen Juden, die zum überwiegenden Teil selbst aus dem Osten stammt und die sich physisch und geistig seit Jahrzehnten nur noch durch den Zustrom der zurückgebliebenen östlichen Brüder auffrischt und erhält, genügt es, wenn die Gelegenheiten der Kultur im Hintergründe vorhanden sind. Im Ernstfalle werden diese Gelegenheiten möglichst wenig abgenützt Im übrigen handelt es sich gar nicht um Kultur, sondern es sind kleine technische Errungenschaften der Zivilisation gemeint, wie Telefon, Spülklosett, five o'clock teas, Dinge, die es vor zwanzig, dreißig Jahren in Deutschland auch noch nicht gegeben hat und die zweifellos in zwanzig Jahren auch in Palästina in einem auch dem deutschen Juden genügenden Umfange vorhanden sein werden. Orthodoxie und Zionismus.. Jeder orthodoxe Jude sagt zwei Mal im Jahr: Heute noch sind wir Knechte, nächstes Jahr Freie in Jerusalem! Er betettäglich, nach Zion gewandt, um dessen Aufbau. Er feiert die Feste, die fast alle national-jüdischen Ursprung und Charakter haben, mit Gebeten, die nationale Erinnerungen pflegen und nationale Forderungen stellen. Wenn man ihn fragt, wie er Gebet und Leben zu vereinigen sucht, antwortet er, das sei nicht „so" gemeint^es stehe ja „nur" so im Gebet (die meisten haben vielleicht noch garnicht gemerkt, was alles drin steht) und das sei nur Verheißung des Ewigen, die zwar eintreffen werde, zu der man aber selbst nichts tun dürfe. Ich habe oft, aber vergebens angeregt, daß die Betreffenden den gleichen Fatalismus auf ihre privaten Geschäfte anwenden. Sie waren dafür nicht zu haben, merkwürdigerweise. *) Oder — mit komischem Einschlag — wenn Einer „germanischen Meth, koscher für Passah" in den Handel bringt und ein Anderer seinen Sohn „Siegwart Caesar Cohn" nennt und ein Dritter die Geburt seiner Tochter „Adelheid Florence Levy, eines drallen Weihnachtsmädels" anzeigt? **) Die Türken waren damals noch nicht Bundesgenossen, sonst würde der Text anders lauten.