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Der jüdische Student · 1922-04-01 · Heft 4 (April 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 4 (April 1922)
Date
1922-04-01
Page
[Seite] (sequence 65)
Language
German
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63 Beweisführung ist-etwas dünn. Der Berliner, der nach Bayern, Württemberg, Sachsen, Ostpreußen aufs platte Land kommt, versteht ebenfalls kein Wort, würde aber doch nie auf die Idee kommen, mit dieser Argumentation die Existenz des Deutschtums anzuzweifeln. Kritiker B. machte es denn auch von der anderen Seite: Die Sache sei gar nicht so eigenartig, wie die meisten Leute denken, die Leute sprechen eben einen deutschen Dialekt, wie, halt, die Bayern das Bajuvarische. Voreiliges Urteil. Ein liberaler Jude, dem das Erscheinen des Jüdischen Theaters in Berlin sichtlich auf die Nerven ging, stellte in seiner Kritik selbstzufrieden und hoheitsvoll abweisend fest, daß diese Art von Literatur und Kunst höchst überflüssig sei, man habe hier — in Berlin und im Jahre 1921 und bei der Kultur — nichts davon zu lernen. Der Mann hat sich geirrt. Dieses Theater des Volkes der „erwerbstüchtigen Ostjuden" hat mit einer Hingabe gespielt, wie die meisten Bühnen der „Hauptstadt" nicht, und es war neben dem russischen Theater — zwei Theater der Fremden aus der nichtarischen Finsternis — wohl das Einzige, das ein ernsthaftes Ensemblespiel und nicht das korrupte Starsystem zu bieten wagte. Ob nicht am Ende die deutsche Reichshauptstadt hier doch hätte etwas lernen können? Sie hat sichs sicher entgehen lassen. Der Zwiespalt des Lebens. Ein besonders beliebtes Argument gegen den Zionismus war und ist der Hinweis auf die Konflikte, in die der Zionismus den guten Staatsbürger bringen muß. Ich sehe davon ab, daß die Zionisten den höchsten überhaupt denkbaren Konflikt, den Krieg, ganz einwandfrei überwunden haben und daß Millionen von Menschen in Nationalitätenstaaten und Grenzländern in dem gleichen Konflikt stehen (Deutsch-Balten, Deutsch- Amerikaner, die Deutschen in der dänischen Nord-Provinz, in Posen usw.) Die große Menge von Deutschen, die z. B. wirtschaftlich zur Demokratie, politisch zur Sozialdemokratie (das gleiche Bild läßt sich nach allen Fraktionen variieren) neigt, die große Masse der Pazifisten (nicht auch der wahrhaft religiösen Juden und Christen?), die im Kriege kämpfte, stand in gleich gearteten Konflikten. Ich denke hoch genug von den bewußt assimilierten Juden, um anzunehmen, daß ihre Stellung in Deutschland ihnen recht schwer innerlich wird. Wie war einem assimilierten Juden z. B. in der Front bei der Judenzählung zu Mute oder in Berlin, als wir vor Pogromen standen? Ein auf seine Art doch sehr bewußter — assimilierter — Jude hat sich in München, als ihm gleiche Kränkung widerfuhr, auf der Stelle erschossen. Ein Redakteur der Assimilanten schrieb eines Tages, als#es zum ersten Mal Juden gelang, in bis dahin verschlossene Stellen zu gelangen, es sei doch wohl zweckmäßiger, wenn die Juden sich zurückhielten (eine Forderung, die mit aller Kraßheit zeigt, wie unwahr die liberale These der Gleichheit in der Realität aussieht), nachdem bis dahin Inhalt des ganzen assimilierten Judentums zu sein schien, den Zugang zu diesen Stellen zu erreichen. Oder ist es z. B. kein Konflikt, wenn jemand in der deutschen Politik Nationalist und in der jüdischen Kosmopolit ist oder wenn ein Mann des

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