Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 4 (April 1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3537599-3537768-3537772--5569-3543688- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
39 Und wer nun, wie Hesekiel, alles unter dem Aspekt der Verherrlichung des göttlichen Namens betrachtete, hatte in dem außergewöhnlichen Geschick des Volkes Israel geradezu einen Prototyp, an dem sich die überragende göttliche Macht in der sichtbarsten Form, vor der ganzen Welt und vor den Augen des Volkes selbst, erweisen konnte: entsprechend der Durchführung des Gedankens der Zerstreuung finden wir es gerade bei ihm ausgesprochen, daß auch die Wiedersammlung und Rückkehr nichts als ein neuer, gewaltiger Machtbeweis Gottes, eine Selbstverherrlichung seines Namens sei. (z. B. Hes. 20,41—42 u. a.) Hiermit wären die möglichen Formen einer Beziehung zwischen Zerstreuung und Wiedersammlung erschöpft, — solange die Strafe nichts anderes ist als eben Strafe — die Reagjenzwirkung einer ethisch-transzendenten v Kausalität auf die Handlungen des Menschen und nichts weiter. Aber bei dieser Auffassung von Strafe und Schicksal sind die Propheten nicht stehen geblieben: aus der rein kausal*ethischen Bedingtheit hoben sie das Geschehen in ein teleologisch dirigiertes Gefüge göttlicher Pläne, ethische Bedingtheit und ethische Zielbestimmtheit verweben sich zur Geschichte: Deuterojesaia, der Prophet des Exils, der die angedrohte Strafe selbst erleben konnte, sagt rückschauend: „Siehe, ich läuterte dich, nicht mit Silber; ich prüfte dich im Schmelzofen des Elends" (Jes. 48,10). Prüfung, Erziehung, Läuterung! Diese Begriffe, auf das Schicksal des Volkes angewandt, mußten zu den tiefsten Erkenntnissen über das Wesen der Völkergeschichte führen; und in der Tat haben die Propheten in gewissem Sinne die erste Geschichtsphilosophie koncipiert und entwickelt. Die Strafe der Exilierung und Zerstreuung wird von der Gottheit nicht negativ, nur als Strafe verhängt, sondern zugleich und vor allem mit der positiven Bestimmung, daß dieses unerhörte Schicksal das verirrte Volk zur inneren Einkehr und zur Umkehr veranlasse, daß es also die Ur« sache,.durch die es notwendig wurde, und damit sich selbst aufhebe: alsdann konnte ein geläutertes, durch die Macht der Leiden zur echten Selbstbesinnung gebrachtes Volk aus der Nacht des Gallith in seine fieimat zurückkehren. Im Deuteronomium finden