Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 4 (April 1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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38 lebt, der herausgeführt und zusammengebracht, die Nachkommen des Hauses Israel aus dem Lande des Nordens und aus allen den Ländern, wohin ich sie verstoßen habe, daß sie auf ihrem Boden bleiben!" Dies also ist die große Zukunftsgewißheit der Propheten. — Die eigentlich interessante Frage aber ist die, welche Verknüpfung zwischen diesen beiden Akten des großen gott-menschlichen Dra* mas, zwischen der Zerstreuung und der Wiedersammlung in ihrer Konzeption durch den prophetischen Genius vollzogen wird. Und hier finden wir die verschiedenartigsten Formen. Die philosophisch primitivste, aber an Gemütswerten reichste ist die Vorstellung von einem einfachen, durch seine Liebe zu Israel veranlaßten, ja erforderten Gnadenakt Gottes. Von allen Möglichkeiten, sich einen Gott vorzustellen, ist dies die am meisten anthropomorphe: der Ewige, überströmend von Gefühl und Leidenschaft, kann wohl seinem Volke ob seiner Untreue zürnen, in seinem Grimm über es Strafen verhängen, aber immer wieder muß die Liebe, mit der er Israel liebt, siegreich durchbrechen und schließlich grenzenloses Erbarmen Platz greifen. » Jen 31,20: „Ist denn Ephraim mein Lieblingssohn, Mein Schoßkind? So oft ich ihn nur nenne Muß ich seiner immerzu gedenken, Darum wallt mein Herz ihm entgegen, Erbarmen muß ich mich seiner, erbarmen!" Ist Jahwes Raunen! (vergl. ferner Jes. 54, 7—8; 43, 25.) Aber die Entwicklung des prophetischen Denkens drängte in immer steigendem Maße auf eine Ethisierung der Gottesvorstellung, und man gewöhnte "Bich daran, alle Ereignisse als notwendige in ihrem Umfang durch ethische Kausalität bestimmte Reaktionen einer überphysischen Weltordnung, genannt „Gerechtigkeit", zu betrachten. So konnte eine Wendung im Schicksal des Volkes erst dann eintreten, nachdem die Schuld durch die Strafe gewissermaßen kompensiert war. Mit diesem Gedanken beginnt die königliche Botschaft des Deuterojesaia :7> Jes. 40, 1—2 „Tröstet, tröstet mein Volk", spricht euer Qott. „Redet zu Herzen Jerusalem und rufet ihr zu, daß sie vollendet ihren Dienst, daß abgetragen ihre Schuld, daß von Gottes Hand sie empfing zwiefach für all ihre Sünden."