Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 4 (April 1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE IDEE DER ZERSTREUUNG UND WIEDERSAMMLUNG BEI DEN PROPHETEN. Hans Jonas, München-Gladbach. (V. J. St. Maccabaea. Berlin a. B.). Mit einem seltsamen Gefühl lesen wir in den uralten Schriften unseres Volkes jene düsteren Verkündigungen eines in der Ge* schichte einzig dastehenden Straf aktes. der beleidigten Gottheit gegen ihr abtrünniges Volk — der Entwurzlung aus der Heimaterde und der Zerstreuung unter die Völker. Erkennen wir doch in diesen prophetischen Drohungen zu tiefst die beispiellose Tragik unseres eigenen Völkerdaseins wieder, damals erschaut in visionärer Zukunftsschau und gefordert von dem Glauben an die in der Geschichte sich auswirkende sittliche Weltordnung, heute seit mehr als zwei Jahrtausenden Wirklichkeit und dauernde Gegenwart. Abgesehen von der Resonnanz, die diese Verkündigungen gerade bei uns, in unserer Situation, finden müssen, beanspruchen sie religionsgeschichtlich ein hervorragendes Interesse; denn, dies ist sicher: die außerordentliche Autorität, die die Ideen der großen Propheten, dieser während ihrer Wirksamkeit immer bekämpften oder verspotteten Einsamen, in der Folgezeit gewannen und zugleich die für alle Zukunft so entscheidende, unbedingte Autorität des Deuteronomiums entsprang zu nicht geringem Teil aus dem überwältigenden, ungeheuer machtvollen Eintreffen der hier wie dort für den Fall der Nichtbefolgung vorgesehenen Drohungen, das sich in den Augen des gebrochenen Volkes darstellte als die aller Welt sichtbare, triumphale Verherrlichung Jahwes durch einen Akt rücksichtsloser Gerechtigkeit. Finden wir doch in der deutero* jesaianischen Argumentation als gewichtigstes Beweismittel für die Einzigkeit und Wahrheit des Gottes Israels imnier wieder die Berufung auf jene prompte und radikale Erfüllung seiner Verkündigungen (Vgl. z. B. Jes. 4 4, 7—8 oder 4 8, 3—5). Fragen wir nun nach den Quellen dieser seltsamen Idee der Zerstreuung, die der Schriftprophetie schon von ihrem ersten Vertreter Arnos an in ihrem ganzen Verlauf zu eigen ist, so finden wir zwei Gründe. Einerseits war es das Bestreben der großen Unheils-