Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 3 (April 1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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122 beschichte*' hingewiesen. Der Verfasser zeigt hier, wie mit dem Verluste der politischen Selbständigkeit das Streben nach Rückkehr in das Land nie im jüdischen Volke erloschen ist und sich stets bei den Stärksten des Volkes in Taten umsetzte. Leider sind es hier nur Einzelerscheinunsen der jüdischen Geschichte, über welche der Verfasser berichtet. Es käme hier gerade darauf an, zu, zeigen — und zwar nicht nur andeutungsweise — wie das Streben nach Palästina seit der Zerstörung des Staates im ganzen jüdischen Volke — nicht nur beim Aufflackern mystischer Bewegungen — fortdauerte und in den mannigfachsten Formen des jüdischen Lebens — nicht nur bei besonderen Anlässen — sondern im täglichen Gebete, in Festsitten usw. sich äußerte, wie das ganze Leben nach Palästina gerichtet war, wie dieser Wille sich aber nie auswirken konnte, da die Länder politisch, kulturell in unendliche Fernen gerückt waren, und sich daher nur in geduldigem Hoffen bei den Massen, in abenteuerlichen Taten bei einzelnen Starken äußerte, und wie erst cjies Zeitalter kommen mußte, wo durch große politische, wirtschaftliche und vor allem technische Umwälzungen die Länder in kurzer Zeit zur Nähe zusammenrückten und nur der lebendige, "bisher nur schlummernde Volkswille sich in Taten auswirken konnte. Die Geschichte dieser großen Zionsbewegung zu schreiben, wäre eine große Tat. Böhm bringt hier leider nur eine kurze Uebersicht über ihre bedeutendste Erscheinungen: dennoch eine dankenswerte Darstellung, die meines Wissens nach im Zusammenhange noch von keiner Seite aus unternommen wurde. Eine ebenfalls ganz neuartige Darstellung findet das Verhältnis Englands zum Zionismus; sehr beachtenswert sind die Angaben über eine zionistische Strömung daselbst'bereits mitten im 19. Jahrhundert.: Auch wäre es hier sehr interessant, den tieferen Ursachen dieser Bewegung nachzugehen. Und nun die Darstellung der Geschichte des Zionismus selbst! Was das Werk auszeichnet, das ist die scharfe -Gegenüberstellung der in der Bewegung wirksamen Strömungen und die fast dramatische Schilderung ihrer großen Peripetien, zum Beispiel der gewaltige Umschwung, der durch das Auftreten Henzls hervorgerufen wurde, die ungeheure Wirkung der Idee der politischen Forderung an die Weltmächte, ferner die große Wendung von rein politischen zum synthetischen Zionismus. Diese Schilderungen gehören zu den besten des Werkes. Und. doch vermisse ich'oit bei der glänzenden Darstellung der äußeren Ereignisse ein Eingehen auf die inneren Ursachen dieser ganzen in der Bewegung wirksamen, treibenden Kräfte, eine Darlegung ihrer Begründung in der kulturellen, ökonomischen, politischen und psychologischen Struktur der Massen-des jüdischen Volkes, z. B. die Fragestellung, warum denn gerade der Osten die Wiege der Choveve-Zion-Bewegung, des praktischen Zionismus geworden, warum gerade die Theorie eines Marx in der jüdischen Jugend des Ostens so tief Wurzel fassen konnte etc., warum gerade nur der Westen politische Zionisten nach der Art Herzls, Nordans hervorbringen konnte. Hin und wieder sehe ich hierzu Ansätze. Doch, glaube ich, istes geiährlich, Gesetze der Psyche des Individuums hierbei auf ein Volk zu übertragen. Eine Volksbewegung, wie den Zionismus zusammen mit der Assimilation — beide doch bedingt durch unendlich viele innere und äußere Faktoren — letzten Endes aus dem individuellen Triebe nach Geltung erklären zu_wollen, erscheint mir zum Mindesten'als ein großes Wagnis. Nur an einer Stelle finde ich ein genaueres Eingehen auf diese im Volke wirkenden,, zum Zionismus, zum Sozialismus, zur Reproduktivierung des Volkes hintreibenden sozial-ökonomischen Kräfte: es ist dies bei der glänzenden Beschreibung der Entwicklung der sozialistischen Parteien, insbesondere bei der Darstellung der Theorien der Poale Zion, besonders der Anschauungen Borochows. Leider befinden sich diese Dinge hier nicht frei dargestellt, sondern sie finden ihre Darstellung eingespannt in bestimmte parteimäßige Gedankengänge. -