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Der jüdische Student · 1922-03-01 · Heft 2 (März 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 2 (März 1922)
Date
1922-03-01
Page
[Seite] (sequence 39)
Language
German
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Rabbiner Dr. N. A. NobeL 87 Rabbiner Dr. N. A. Nobel verschieden am 24. Januar 1922 Von Leo Löwenthal „Wenn ein Mensch die ganze Lehre und alle Gebote erfüllt hat, aber die Wonne und das Brennen hat er nicht gehabt: wenn der stirbt und hinübergeht, öffnet man ihm das Paradies, aber weil er in der Welt der Wonne nicht gefühlt hat, fühlt er auch die Wonne des Paradieses nicht." Worte des Baalschem. Ich möchte nicht noch einmal die vielen Nachrufe wiederholen, die das Leben des Meisters geschildert haben. Ich möchte aber auch nicht noch einmal darüber sprechen, was er uns als Jude bedeutet und als Jude gegeben hat: auch das ist oft schon mit warmen Worten gesagt worden. Sondern ich will mit schlichten Worten Rechenschaft ablegen über den Menschen, der von uns gegangen ist. Wir waren vorbereitet auf sein Ende, hat ein Schüler in einem Nachruf gesagt. Ich weiß nicht. Mich traf dieser Tod mit der Wucht und Unerwartetheit eines großen kosmischen Ereignisses, nein, wie der Sturz eines ganzen Kosmos. Und mir offenbarte sich später — als das Denken den Platz wieder gewann über den wortelosen Schmerz — dieses erste Empfinden als ein Schlüssel zum Verständnis des Dahingegangenen. Eines der tiefsten Bücher, das in diesen Tagen über einen Geistesverwandten geschrieben wurde, nennt sich: „Goethe, die Geschichte eines Menschen." Und so wie Goethe ist auch Nobel ein Mensch gewesen in jenem schlechthinnig entscheidenden Sinn, in jenem tiefen, religiösen, alle Werte überstrahlenden Sinne, in dem die ganze Schöpfung als Makanthropros, als Mensch im Großen, angesprochen wurde. Er, Nobel, war es gan,z, jenes herrliche Wesen, das gerade dann das Reich der größten Freiheit, das Reich des Denkens, der Tat und der Schönheit in sich auferstehen läßt, wenn es demütig und knieend seines kreatürlichen Charakters inne wird. Das war das Geheimnis dieses großen Rabbis, der wahrlich ein ganz großer Jude, ein ganz erfüllter Jude gewesen und darum zu einem Noch-Mehr sich erhob: zum jüdischen Menschen der Idee, der die reinste, keuscheste, wahrhafteste Gestalt des Menschen überhaupt ausprägt. Es war uns bei ihm immer zu Mute, wie es von Goethe, dem* Dichter, Schriftsteller, Forscher, Diplomat und — Goethe immer heißt, daß wir wohl den Juden, den Zionisten, den Gläubigen, den Philosophen, den Rabbi sahen, aber dazu eben all dies zusammen noch einmal auf einer ganz hohen hehren Stufe. Es gab nichts, was nicht diesem Innersten entsprungen wäre, in jedem Worte und in jeder Geste lebte er, die Wahrheit seiner selbst und seines Gottes. Er war — Wenn man Formeln will, die er, der Begnadete, in tiefen schönen Worten und Deutungen uns erspart hätte — er war kein tragischer und kein problematischer Mensch, aber er war auch nicht ein Mensch, der in ein; System seinen Reichtum hatte pressen lassen, zu alledem war er zu groß, zu gewiß, zu sehr verwurzelt in der tiefsten Gesetzhaftigkeit, als daß er einer Konstruktiven bedurft hätte. Aus seinem wunderbaren Auge strahlte uns stets jenes herrliche offene Lächeln des- Wissenden, seine verehrungswürdigen Hände gaben stets den köstlichen Segen des großen Gebundenen. Aber er war auch nicht Einer — so darf man meine eingangs gesagten-Worte nicht verstehen —, der zu früh gegangen wäre, weil er noch nicht alles gegeben hätte: immer gab er alles, denn immer gab er — sich selbst. Er war der Gesegnete, dem das Brennen nicht mangelte, von dem Baalschem spricht, er war der Demütige, der sich selber ver-

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