Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 2 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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86 Das hebräische Gymnasium in Wirballen. z. B. die hebräische Lektüre und das Hebräischsprechen, die die Hebraisierung fördern sollen. Das letztere ist allerdings eine sehr heikle Angelegenheit. Denn trotz dem nationalen Willen, der die ganze Schule beseelt, und obgleich auf Schülerversammlungen und Festen hebräisch gesprochen wird, obgleich der Lehrer mit dem Schüler auch außerhalb der Schule nur hebräisch spricht, sprechen die Schüler im großen und ganzen untereinander doch jiddisch. Zu verschiedenen Zeiten, in denen eine gewisse Hochstimmung herrschte, machte sich unter den Schülern eine starke Tendenz bemerkbar, das Hebräischsprechen vollkommen durchzusetzen. Diese Perioden waren jedoch nur von kurzer Dauer. Eingehend erörtert hierbei der Bericht alle Momente in dem langsamen Entwicklungsprozeß, der sich in der Seele des Schülers abspielt, diesem stillen, unbewußten, aber iieftigen Kampf zwischen der Forderung und dem täglichen Leben der Umgebung. Wer wird hier Sieger bleiben? Drei Schuljahre sind eine zu kurze Zeitspanne für die endgültige Beurteilung dieser Frage; jener Entwicklungsprozeß befindet sich noch in seinem Anfangsstadium, und mit Recht lehnt die Lehrerschaft es ab, ihn künstlich zu beschleunigen, sondern begnügt sich damit, ihm in jeder Weise die Wege zu ebnen. Der bedeutsamste Teil des Berichtes ist der letzte Abschnitt, der von dem Gymnasium als Erziehungsschule erzählt — bedeutsam nicht allein als Bericht eines hebräischen Gymnasiums, sondern vor allem als ein wichtiger Beitrag zu der heißumstrittenen Frage der neuen Schule überhaupt. Hier in Wirballen hat man den Mut besessen, zu allen ungeheuren Schwierigkeiten, die in dieser Besprechung nicht erschöpfend gewürdigt werden können, noch eine große Aufgabe auf sich zu nehmen: die Umwandlung der Schule zur Gemeinde, die Schüler und Lehrerschaft zugleich umfaßt. An dem System der alten Schule, die sich mehr oder .weniger auf dem starren Autoritätsprinzip aufbaut, konnte man an diesem kleinen Orte auf keinen Fall festhalten, denn hier waren Schüler und Lehrer dauernd in viel zu großer Nähe, als daßdiesem Prinzip, dessen wesentliche Voraussetzung die Unnahbarkeit des Lehrers ist, hätte Geltung verschafft werden können. Doch in großartiger Weise ist gerade dieser Umstand der körperlichen Nähe von. Lehrer und Schüler ausgenützt worden, um einen engen geistigen und seelischen Zusammenhang zwischen beiden Teilen zu schaffen. Dies feste Band bildet die Grundlage der natürlichen Autorität des Lehrers: der Achtung des Schülers vor der Persönlichkeit des Erziehers, vor. dem höherstehenden Menschen. Dies stellt natürlich hohe Anforderungen an den Lehrer und erfordert einen engen Kontakt der Lehrer untere einander, eine Harmonie innerhalb des Lehrkörpers. Daß diese Harmonie in der Zusammenarbeit aller Teile in der Wirballner Schule vorhanden ist, ist vor allem eine Folge der Einheitlichkeit der nationalen Einstellung, in der Lehrer und Schüler sich eins wissen. Von diesem nationalen Gesichtspunkt aus gewinnt die ganze Arbeit in der Schulgemeinde ein besonderes Gepräge. Die Schülerräte, die sich aus Vertretern der einzelnen Klassen zusammensetzen, sind hier keine Instrumente zum „Klassenkampf" der Schüler gegen die Lehrer, sondern ein wichtiges Erziehungsmittel zum sozialen Leben, also eine bedeutende, pädagogische Hilfe für die Lehrer. Wesentlich erzieherische Fragen, z. B. Disziplinarfragen, werden vom Lehrerkollegium und jenem Selbstverwaltungsorgan der Schüler erledigt. Das ganze Material kann unmöglich im Rahmen dieser Besprechung zur Sprache gebracht werden. Ich wandte mich zu Anfang an die hebräischen Bundesbrüder, denn sie allein haben die Möglichkeit, auch die anderen Bundesbrüder mit diesem Büchlein bekannt zu machen. Sie sollten nicht versäumen, es zu tun, denn sie helfen damit ein Band knüpfen zwischen uns und dem hebräischen Aufbau und der nationalen Jugend im Osten.