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Der jüdische Student · 1922-03-01 · Heft 2 (März 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 2 (März 1922)
Date
1922-03-01
Page
[Seite] (sequence 37)
Language
German
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Das hebräische Gymnasium in Wirballen. 85 Fassung der Problemstellung, und bedauerlich ist die oberflächliche Behandlung der Frage des klassischen Gymnasiums und des bildenden Wertes der klassischen Sprachen; in zehn Zeilen kann man nicht diese Frage quasi mit einer Handbewegung abtun. In der Einteilung des Unterrichtsstoffes haben also die Erzieher freie Hand, und das ist von großer Wichtigkeit für sie; denn ein (wenn auch nicht ganz klares) Bild vom Bildungsideal des hebräischen Gymnasiums schwebt ihnen vor, und die Möglichkeit, der Versuch der Verwirklichung ist ihnen durch jene Freiheit gegeben. Dies Bildungsideal wird mit hebräischem Humanismus bezeichnet und umfaßt in seinem Kern die klassische und neuhebräische Literatur mit einem Stück Weltliteratur, jüdische und allgemeine Geschichte, Literaturgeschichte usw. und in zweiter Linie die Realfächer. Dies ist immerhin ein Programm, mit dem man sich ernstlich auseinanderzusetzen haben wird, sobald es festere Formen annehmen sollte. Freilich wird man sehr pessimistisch gestimmt, wenn man von der Vielspraeherei liest, die in so einem Gymnasium herrscht. Eine Krankheit wird sie im Büchlein genannt, und es hätte ruhig heißen können: eine Goluskrankheit. Die Tatsachen sind klar und sprechen für sich; Litauisch — Landessprache; deutsch — Nachbarstaat im Westen; russisch — Nachbarstaat im Osten; englisch — Palästina; lateinisch — Universitätsstudium. Die Darlegung, warum aut keine dieser fünf Sprachen verzichtet werden kann, ist überzeugend. Die tragische Zerrissenheit unseres Golusdaseins zeigt sich hier in krasser Form (man nehme nur noch hebräisch, die Unterrichtssprache, und jiddisch, die Muttersprache hinzu — und wir haben sieben Sprachen in dem Kopfe eines Obersekundaners l). Der englische und lateinische Unterricht ist fakultativ, eine kleine Milderung wenigstens. Man irrt nun in der Annahme, daß die anderen Fächer durch diese Sprachenfülle erdrückt werden. Aus dem Abschnitt, in dem manches Interessante über die Unterrichtsmethoden in verschiedenen Fächern erzählt wird, ersieht man, wie lebendig und fruchtbar sich der Unterricht gerade in Mathematik und in den Realfächern (Naturkunde und Erdkunde) gestaltet. Der Lehrer, der hier durch keine engeren, Vorschriften in seiner Unterrichtsführung gebunden ist, hat die Möglichkeit, neue Wege zu suchen, diesen und jenen Stoff, der etwa die Klasse besonders fesselt, ausführlicher und anders als bisher zu behandeln und überhaupt in jeder Weise den Unterricht jeweils dem Geiste der Klasse anzupassen. Erwähnt sei noch, besonders seiner Wichtigkeit wegen, ein neues Fach, das im letzten Schuljahr in der Obersekunda eingeführt wurde: Jüdische Volkskunde. Nach einer ausführlichen Begründung des Zweckes dieses Unterrichts bringt der Bericht eine Uebersicht über den durchgenommenen Stoff, der im wesentlichen folgendes enthält: Zahl und Verteilung der Juden in den einzelnen Weltteilen und Ländern; die jüdischen Massensiedelungen; die großen jüdischen Gemeinden. Die wirtschaftliche Lage der Juden (Reichtum, Erwerbszweige, Geschichtliches usw.). Die Juden als Wandervolk. Die Juden als Nation. (Hierbei werden besonders die Begriffe „Nation"* „nationale Bindung", „Rasse" usw. geklärt). Das eigentliche Problem des Unterrichts an dem hebräischen Gymnasium liegt aber weniger in der Methodik und Stoffeinteilung als — in der Unterrichtssprache. Denn das Hebräische soll mehr sein als die Sprache, die das Wissen übermittelt; es soll vom Denken und Fühlen des Schülers Besitz ergreifen, das ganze Leben des Schülers soll hebraisiert werdem Das wichtigste Mittel hierzu ist eben die Übermittelung neuen Wissens, neuer Vorstellungen und Begriffe in hebräischer Sprache, und hierbei müssen die Lehrer aller Fächer mitwirken, und aut jedem ruht eine schwere Verantwortung. Schonungslos deckt der Bericht alle Schwierigkeiten auf, die sich im Kampfe der Erzieher um die Hebraisierung ergaben, und gleichzeitig bringt er reiches Material über die Mittel und Wege, die man zu finden wußte, um diesen Kampf siegreich durchzuführen. Außer den schon genannten Mitteln sind es

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