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Der jüdische Student · 1922-03-01 · Heft 2 (März 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 2 (März 1922)
Date
1922-03-01
Page
[Seite] (sequence 36)
Language
German
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84 Das hebräische Gymnasium in Wirballen. das hebräische Gymnasium in Litauen erschienen, von einer ernsthaften kritischen Auseinandersetzung mit seinen Fragen ist schon gar nicht die Rede. Auch der Kreis der Bundesbrüder, die einigermaßen über das hebräische Gymnasium und seine Entwicklung unterrichtet sind, ist ein sehr beschränkter. Es handelt sich hierbei hauptsächlich um den Teil der jüngeren Bundesbrüder, der sich dem Lehrerberufe zu widmen gedenkt. Der Zusammenhang ist freilich ziemlich locker und die Nachrichten, aus denen die Bundesbrüder ihre Kenntnisse schöpfen, sind zufälliger Natur. Außer dieser Kategorie, die ein ganz spezielles* Interesse am hebräischen Erziehungswerk hat, gibt es noch eine Anzahl Bundesbrüder, die die hebräische Arbeit in Litauen mit Aufmerksamkeit verfolgen würden, wenn sie hierzu die Möglichkeit hätten, ich meine die Bundesbrüder — ihre Zahl nimmt erfreulicherweise zu —, die einige Kenntnis im Hebräischen besitzen. Diese, soweit sie imstande sind, ein hebräisches Buch mit oder ohne Hilfe zu lesen, können nunmehr mit einem Stück solcher hebräischer Aufbauarbeit bekannt werden. Vor einiger Zeit ist der Bericht des Wirballener Hebräischen Gymnasiums, das bekanntlich unter den hebräischen Gymnasien Litauens an erster Stelle marschiert, erschienen*). Dieser Bericht ist alles andere, als einer der heute üblichen jährlichen Schulberichte, etwa eines deutschen Gymnasiums. Statistiker und Zahlenjäger werden beim Lesen dieser Broschüre nicht auf ihre Rechnung kommen. Irgendwelche statistischen Angaben sind hier absichtlich vermieden worden — in der richtigen Erkenntnis ihrer Unwesentlichkeit in diesem Falle. Ja, es fehlt noch viel mehr: es fehlen die Stundenpläne, und vergebens sucht man nach einem Verzeichnis der Lehrer. Das alles würde hier nur störend und ablenkend wirken; denn dieses Büchlein berichtet nicht von etwas Fertigem, Abgeschlossenem, sondern schildert das Werden, das Entstehen und Wachsen dieses höchst komplizierten Organismus, den man hebräisches Gymnasium nennt. So ein Organismus ist nicht ohne weiteres entstanden, er hat seine Vorgeschichte, seine Umgebung, und ihre spezifischen Bedingungen sind in gewissem Maße mitbestimmend bei seiner Entwicklung. So erfahren wir denn im ersten Kapitel etwas über die Geschichte dieses Grenzstädtchens Wirballen,' von seiner alten hebräischen und zionistischen Tradition, die mit eine Bedingung für das Gelingen des Wagnisses war, hier ein hebräisches Gymnasium zu gründen. Es war ein Wagnis, denn abgesehen von mehreren Gründen materieller Natur — bedenke man eins: die Gründungszeit des Gymnasiums fiel in das Frühjahr 1919; jene Tradition hatte durch den Krieg doch einen bedenklichen Riß erhalten. Viele Familien hatten sich während der Kriegsjahre in Rußland aufgehalten, ihre Kinder iernten dort in russischen Schulen und verlernten dagegen um so gründlicher ihre hebräischen Kenntnisse. Auch mit der Einheitlichkeit der Ausbildung der in Wirballen verbliebenen Kinder war es zu Ende. Ein Teil besuchte die deutsche Zwangsschule, die während der Okkupation bestand, und kam dadurch in diesen Jahren in den hebräischen Fächern nicht vorwärts, während mancher gute Hebraist in den allgemeinen Schulfächern Lücken aufzuweisen hatte. Wie bunt dureheinandergewürfelt mußte also das Schülermaterial sein, das den Stamm des Gymnasiums bilden sollte! Doch die Schwierigkeiten, die sich hier ergaben, wurden überwunden — und eine andere, prinzipielle Frage von größter Bedeutung wurde akut: die Frage des Unterrichts- Programms. Was ist das Programm des hebräischen Gymnasiums? Dieses Problem wird sicherlich nicht am grünen Tisch gelöst werden, und zwei, drei Jahre Erfahrung können auch noch nicht die gewünschte Klärung bringen. Das Büchlein will denn auch nicht tiefer in die Frage selbst eindringen. Immerhin vermißt man hier eine etwas schärfere *) „Achssania schel thora", Bericht des hebr. Gymnasiums in "Wirballen 1919-21, herausgegeben vom Lehrerkollegium.

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