Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 2 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3537599-3537768-3537770--5478-3543595- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
82 Technische Chaluziutn. Berufe, die für Palästina unmöglich sind. Diese Gefahr ist nur scheinbar. Denn unsere Menschen sind absolut nicht einseitig und noch lange nicht alle für intellektuelle Berufe (dies Wort nur im Gegensatz zu technischen usw. Berufen gebraucht) geeignet. Daß wir die so falsche Berufsschichtung haben, liegt an der falschen Einschätzung des Wertes der Berufe und an der Ueberschätzung der wirtschaftlichen Dinge für unser Leben. Diese Wahrheit ist nicht neu, aber ich vermisse sie in unserer Diskussion. Ich bin überzeugt, daß eine aufrichtige Eignungsprüfung unserer Mensehen eine Berufsschichtung erzeugen würde, die auch für Palästina ein erfreulicheres Bild böte als heute. Und dies ist das wichtigste: Nur die wenigsten Menschen, die nach Palästina gingen — ohne daß ich die Gesinnung nur eines einzigen Chaluz anzweifeln möchte — sind wirklich ausgebildete Menschen gewesen. Ihre Chaluziuth war ein Heldentum der Gesinnung. Ihre Arbeit war höchst notwendig, weil sie Beispiel war, weil sie die erste jüdische Leistung war, weil sie fast ein Märtyrertum war (wie denn auch der alte Jischuw eine Notwendigkeit für uns ist, indem er gezählt wird). Aber einmal ist die Zeit dieses Heldentums vorbei, und dann: Jetzt schreit Palästina nach ausgebildeten Menschen und es wird noch lange schreien. In Jaffa gibt es 2000 registrierte Arbeitslose und trotzdem keine Maurer zum Häuserbau. In Palästina ist ein Ueberfluß an Ingenieuren und dennoch sucht sich Ruthenberg noch Fachleute. Und zwischen dem Maurer und dem Tiefbautechniker ist eine unendliche Skala von Berufen, in denen die Menschen fehlen. Alle, die zurückkehren, wiederholen es. Alle Nachrichten sagen dasselbe. Und ich stelle die Behauptung auf, daß alle K. J. V. er es erreichen könnten, in Palästina ihren Beruf auszuüben, sofern sie das haben, was ich zu Anfang sagte: echte Chaluzgesinnung. Und dazu wäre nur notwendig, daß sie sich ihrer Eignung nach gründlich ausbildeten. Der Tüchtige findet auch in,Palästina seine Bahn, das ist die Erkenntnis, die ich aus dem Leben unserer Bundesbrüder in Palästina gewann. Freilich nicht umsonst nannte ich diesen Aufsatz: Technische Chaluziuth. Was ich sagte, gilt sicherlich für alle Berufe, dennoch bleibt es wahr, daß Palästina vor allem Landwirte, Handwerker und Techniker aller Art gebraucht. Es gilt hier zu zeigen, welches die; Voraussetzungen einer Chaluziuth für uns alle sind. Aber nichts ist jetzt bei uns so notwendig, als die Förderung aller technischen Berufe. Die Zionistische Vereinigung hat ein besonderes Amt dafür eingerichtet. Hierbei spielt auch die Erkenntnis mit, daß gerade Deutschland mit seiner hochentwickelten Technik und seinen ausgezeichneten Ausbildungsmöglichkeiten diese Dinge pflegen muß. Es wird die Aufgabe von uns Technikern sein, einmal die beste Art dieser Ausbildungsmöglichkeiten zu untersuchen in dem Sinne, wie es Roers Artikel tat, sodann aber auch durch Propaganda, durch Sammlung unserer Menschen, durch Schaffung von Lehrkursen usw. (siehe auch den Rundschauartikel) um Werke des Technischen Chaluzamtes mitzuschaffen. IL Hierzu einige praktische Anregungen. 1. Zur Berufswahl: Den Universitätsberufen eines Juristen, Mediziners, Theologen und Philologen stehen mit mindestens ebensovielen Abstufungen und Spezialitäten ebensoviel technische Berufe gegenüber. Auch wir Techniker haben „Fakultäten", Architekten, Maschinen-, Elektro-, Kultur-, Bauingenieure, die jede für sich eine eigene reich nuanzierte Disziplin bedeutet. Also Auswahl gibt es genug; Temperament, Schönheitssinn, Organisationsfähigkeit, Sozialinstinkt und noch mehr kommen auf ihre Rechnung. Aber unbedingt halte ich an der Forderung fest: Geht in die mittleren technischen Berufe. Bei absoluter Befriedigung eines sein eigenes Lebenswohl findenden Menschen nützet ihr an diesen Stellen Palästina am