Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 2 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Formen im Kartell II. 75 Reihen freuen, aber vergessen wir nicht die Bundesbrüder „Tarn" und „Eno jodea Iischol"l*Das Goethewort: „Für andere wächst in mir das edle Gut, Ich kann und will das Pfund nicht mehr vergraben! Warum sucht' ich den Weg so sehnsuchtsvoll* Wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?" zeigt nur die eine Seite unserer Führeraufgaben; die zweite ist, das Pfund auch den anderen zu entlocken, eine Arbeit, die allerdings stiller und entsagungsvoller, aber vielleicht noch schöner ist. Wir müssen also, um mich technisch auszudrücken, lernen, unser Menschenmaterial besser auszuwerten. Welche Rolle die Leibesübungen dabei spielen sollen, wurde im ersten Artikel (Formen im Kartell I) gezeigt, aber neben der zionistischen und körperlichen Ausbildung unserer Bundesbrüder haben wir eins vergessen: unsere ästhetischen Bedürfhisse. 2. Kunst im Kartell. Warum suchen wir unsere künstlerische Befriedigung (in weitestem Sinne gefaßt) außerhalb des Kartells, warum beziehen wir diesen wich: tigen Lebensfaktor nicht in den Kreis unserer Gemeinschaft hinein? Bescheidene Anfänge in dieser Richtung sind schon unter dem Einfluß des darin viel weiteren Blau-Weiß und gemeinsam mit ihm gemacht worden: so in Karlsruhe der Bau eines eigenen Hauses, in Frankfurt die Aufführung eines ernsten Theaterstückes anläßlich einer Nobel-Feier. Wir müssen solche Keime in weitestem Umfange zur Entfaltung bringen. Das augenblicklich ziemlich bedeutungslose Ressort für Turnen und Sport muß seinen Aufgabenkreis erweitern und sich als Ressort für „innere Bewegung" konstituieren. In seinen Geltungsbereich fiele dann alles, was außerhalb der eigentlichen „Arbeit" liegt, also: Leibesübungen, Musik, Theater, Handfertigkeit und anderes mehr. Natürlich können solche Dinge nicht von oben her geregelt werden, es soll aber eine Zentralstelle geschaffen werden, von der aus ein Austausch von Erfahrungen und Anregungen vermittelt werden kann. Man sage mir nicht, wir hätten keine Zeit'für solche Dinge. In allen Verbindungen gibt es eine Menge Bundesbrüder, die künstlerische Interessen haben und sie nicht betätigen können, weil sie angeblich zu viel in der Korporation zu arbeiten hätten. Warum sollen wir diese Zweiige verdorren lassen? Die Gemeinschaft mußv auch hierin anregend wirken, die anfängliche Mühe wird dann tausendfach belohnt Werden. Diejenigen aber, für die alles, was nicht ostjüdisch oder hebräisch klingt, „unjüdisch" ist, werden sehen, daß auch durch das sogenannte „rein-menschliche" jüdische Werte geschaffen werden: denn was könnten uns unsere jüdischen Feste bedeuten, wenn wir endlich einmal aus dem Morris-Rosenfeld-Kitsch mit den leuchtenden Maccabäer-Fäusten (Hip-Hip-Hedad!), wenn wir aus dieser Talmi- und Tomor-Kultur herauskämen, und versuchen würden, auch künstlerischen Dingen gegenüber etwas ernsthafte Objektivität walten zu lassen. Wir haben verlernt, Feste zu feiern, das heißt vor allen Dingen: Wir haben keine Form mehr, um eine größere 4nzan^ von Bundesbrüdern in geschlossenem Raum durch Ernst und Fröhlichkeit in — sagen wir ruhig — Gemeinschaftsstimmung zu versetzen. * ♦ 3. Veranstaltungen im geschlossenen Raum. Der alte Kneipkomment mit seinen festen Normen und Formen bot die Möglichkeit, eine auch mehrhundertköpfige Menge zu regieren und als einheitliche Masse zu handhaben. Jeder wußte, wo er hingehörte, und was er zu tun hatte. Man schaffte diese uns fremden Dinge ab und setzte dafür das „Selbstbestimmungsrecht der kleinen Nationen"