Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 2 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Formen im Kartell II. gar nicht zu reden von der Erörterung der Frage, wie man sich hierauf konkret einzustellen habe. Von der sozialen Aufgabe derartiger Institutionen zu reden, erübrigt sieh bei dem Charakter, den diese durch ihre Anhänger schnell gewinnen. Nebenbei gesagt, kann ich mir auch nicht vorstellen, wo beim Dienst in der Telephonzentrale für die Schutzpolizei das „soziale" Moment liegen soll. Zudem ist es sozial — vielleicht gar von einem jüdisch-ethischen Gesichtspunkt aus! — einer um dies Sicherung des Existenzminimums ringenden schwer arbeitenden Menschenklasse in den Rücken zu fallen? Und die Frage erhebe ich, ob diejenigen, die erklären, aus Prinzip Bourgeois zu sein und dementsprechend handeln zu wollen, ich frage, ob deren Platz in einem Kartell sein kann, in dem sich auch eine ganze Reihe von Sozialisten befinden, für die ihr Zionismus mit ihrem Sozialismus in gewissem Sinne identisch ist. Ich habe geglaubt, daß das K.J. V. eine Verbindung von Menschen ist, die zwar Zionisten sind, bei denen aber auch Bindungen in menschlicher, persönlicher Beziehung vorhanden sein müssen und daß es nicht ist, eine Vereinigung von Leuten, die sich gerade zufällig zu dieser politischen Gesinnung bekennen, wie es gilt etwa für irgendeine zionistische Ortsgruppe. Infolgedessen ist für die Existenz unserer Gemeinschaft unbedingt eine gewisse Konformität in unsern Weltanschauungen nötig, die über die Eigenschaft, daß wir Zionisten sind, hinausgehen muß. Ich glaube auch heute noch, daß diese Konformität in politischsozialer Hinsicht besteht, wenigstens für die jüngeren, aktiven Bundesbrüder. Und die Erkenntnis scheint mir auch heute noch richtig, daß wir eine Gemeinschaft sind, die sich unmöglich damit begnügen kann, für sich und ihre Nation ausschließlich eine Renaissance zu erkämpfen, sondern die, wenn nicht aus innerem Trieb, wie es eigentlich der an sich schon revolutionäre Charakter des Zionismus mit sich bringen müßte, so doch, wenn durch äußere Tatsachen zur Stellungnahme gezwungen, sich für irgendeine, aber immer auch revolutionäre Richtung, entscheidet. — Sich über diese ganzen Fragen zu äußern, werden wir den Bundesbrüdern auf dem nächsten Kartelltag durch dahingehende Anträge Gelegenheit geben. Formen im Kartell IL Von Friedrich Max Simon- Berlin (Ruder V. J. St. „Ivria" i. a. B.) 1. Führertum und Auswirkung. Als Friedrich der Große in der Schlacht bei Kollin allein mit einem Tambour gegen den Feind rückte, rief man ihm zu: „Wollen denn Majestät die Batterie allein erobern?" Erstaunt sah sich der König um: es war niemand nütgekommen. t , Die Situation unseres Kartells scneint mir ähnlich zu sein. Wir haben nicht nur einen, nein, viele Führer (in jeder Korporation gibt es drei, vier); aber sie kennen die Stimmung ihrer „Soldaten" nicht. Wir haben auf unseren Kartelltagen Debatten mit hohem und höchstem Niveau, und „schöne Konvente", auf denen immer dieselben Bundesbrüder mehrere Stunden reden, aber die Massen, „kommen eben nicht mit". Die besonders in Frankfurt-Heidelberg gepflegte Hypertrophie des Führertunis (sie zeigt sich, um „spenglerisch" vorzugehen, auf sportlichem Gebiet in der Entwicklung zum fraek), muß dem Prinzip der Vulgarisation weichen. Wir wollen uns über jeden „Choehem" in unseren