Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 2 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Politik im Kartell? Folgerungen ziehen, vielleicht auch zu weitgehende, gleich Defaitismus und ähnliches vorgeworfen wird, sondern mehr. Denn diese Einsicht ergibt zwangsläufig — und keiner kann dies leugnen —, daß die größte Zähl der Bundesbrüder nicht nach Palästina gehen können, und zwar gar nicht aus subjektiven Gründen, etwa Mangel an Willen, sondern weil sich objektiv für so geartete Menschen vorerst gar keine Verwendung findet. Hierbei unterstelle ich als unverrückbare Tatsache,, daß wir eine Verbindung von Studenten sind, die ja wohl menschlich, und zwar physisch wie psychisch, nicht so ohne weiteres für Landarbeit oder Handwerk disponiert sind, vielleicht auch nicht einmal für den Beruf eines Beamten. Ergibt sich aber hieraus die Tatsache, daß ein großer Teil von uns hierbleiben werden, weil sie hierbleiben müssen,, so erscheint es sehr fraglich, ob die Art der jetzigen palästino-zentrischen Einstellung die geeignete für uns ist. — Man kann m. E. dahingestellt sein lassen, ob die „Hebraisierung", gesetzt, sie wird überhaupt bis zu einem größeren Teile verwirklicht, die allein (!) zweckmäßige Form ist, wie, man den ^Zusammenhang zwischen Palästina und Diaspora herstellt. Es ist zumindest zweifelhaft, ob eine derartige kulturelle Orientierung in dem weitgehenden Sinne, wie sie von irgendeinem Erfolg begleitet sein kann, möglich ist für die große Zahl derer, die nicht nur in deutscher, in europäischer Kultur leben werden, sondern die auch in ihr groß geworden sind, nichts anderes gekannt haben und kennen werden; denn es ist doch womV ohne weiteres anzunehmen, daß kulturelle Bindung als lebendiger Zusammenhang nur bestehen kann, wenn entweder eine originäre starke Beziehung zu dieser Kultur vorhanden ist oder mindestens eine lokale. Für einen großen Teil von uns kommt beides nicht in Betracht. Man kann ferner sehr wohl darüber streiten, ob in der Geschichte überhaupt willensmäßige, in gewissem Sinne dann immer künstliche Kulturbejahung Erfolg haben kann, in der Richtung, daß ihre Träger gesunde Glieder eines Volksstaates werden können. Alle diese Einwendungen — und noch viele ließen sich anführen! — sind bekannt. Natürlich ist aucfr andererseits ohne weiteres zugegeben, daß das Verständnis der hebräischen Sprache unbedingt notwendig ist, um die vergangenen und die neu auflebenden Kulturäußerungen unseres Volkes in sich aufnehmen zu können. Die Erziehungspolitik des Kartells geht auch nur insoweit fehl, als sie auf diese Seite, deren Bedeutung restlos anzuerkennen ist,, den alleinigen, den ausschließliehen Wert legt und andere Möglichkeiten, die in gegebener Situation in doppelter Hinsicht zweckmäßig wären, außer Acht läßt. Diese Möglichkeiten möchte ich bezeichnen mit politischer Aufklärung, politischer Orientierung. Der Aufbau Palästinas und die allmähliche Konstitution eines Staatswesens bringt eine Reihe ökonomischpolitisch-rechtlicher Fragen und der sich daran anschließenden Kämpfe mit sich. Die Besonderheit der jüdischen Geschichte und der sozialen Lage der jüdischen Masse verursacht eine starke Differenzierung der streitenden Gruppen und erklärt vielleicht auch die außerordentliche Schärfe des Kampfes. Diese Gruppen stehen sich heute bereits in Palästina und der Diaspora als festgefügte Parteien gegenüber. Hier,, auch hier ergibt sich für uns eine Gelegenheit, mit .palästinensischem Leben, mit palästinensischen Strebungen in Berührung zu kommen. Dieser Kontakt kann unmöglich hergestellt werden durch gelegentliche, gewöhnlich noch sehr seltene Vorträge über das Wesen der zionistischen Parteien etc.; er kann nur hergestellt werden durch unmittelbare Verbindung der einzelnen Bundesbrüder mit den Parteien und vor allem; mit einer bewußten Erziehung, die dahin gehen muß, daß man zu den einzelnen Richtungen Stellung zu nehmen hat und daß, wenn auch nicht gleich eine feste Entscheidung, so doch ein ernstes Bemühen um diese Fragen stattzufinden hat. Politische Kämpfe! Ein „furchtbarer" Gedanke, und doch sind sie stets ein deutliches Symptom dafür, daß