Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 2 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Politik im Kartell? 71 redet und sogar glaubt, vieles von jüdischem Leben und jüdischen Lebensformen ablehnen zu dürfen. Der Verbindungsbetrieb würde besser, lebhafter sein, unsere Verbindungsveranstaltungen (auch die geselligen!) und Referate würden ein höheres Niveau haben, die Bundesbrüder würden auf zionistische politische Fragen reagieren können, was sie heute nicht können; wir würden bessere und wertvollere Keilerfolge erzielen, da 1) wir den Keilfüxen etwas werden bieten können und 2) die Bundesbrüder besser keilen, werden in dem Bewußtsein, daß sie einen Menschen für etwas wertvolles gewinnen wollen. Die Verbindungen würden auch nach außen an Achtung und Ansehen gewinnen, was sie jetzt, wenigstens hier in Königsberg, nicht besitzen. Und die Folgen für den deutschen Zionismus? Wir würden ihm eine vielleicht große Zahl von zionistisch und jüdisch ausgebildeten Arbeitern .zur Verfügung stellen können, die befähigt sein werden, für den Keren- Hajessod, für den N. F. zu arbeiten, seine Werbearbeit zu leisten. Wir würden dann wirklich eine Kampftruppe sein. Ich bin mir bewußt, daß meine Ausführungen kaum etwas Neues gebracht haben, es ist vielleicht nur alter Wein in neuen, vielleicht nicht ganz guten Schläuchen. Aber vielleicht ist es ganz gut gewesen, den Wem einmal umzufüllen. Politik im Kartell? Von Lothar Käufmann -Berlin (V.J.St. Maccabaea-Berlin; Fux). „Was will man heute mit Hern Schicksal? Die Politik ist das Schicksal." Napoleon an Goethe. Aus Reden, Schriften, Büchern der letzten Jahre haben wir immer wieder bis zum Ueberdruß die Ansicht vertreten gehört, daß der Zionismus nunmehr eine „eminent praktische" Frage geworden ist, daß das Stadium der Verwirklichung begonnen hat. Dieser Gedanke ist bei uns scheinbar so oft ausgesprochen worden, daß man nie daran gedacht hat, irgendwelche Konsequenzen daraus zu ziehen, wenigstens was die große Masse der Bundesbrüder angeht. Man ist sich theoretisch über das Gegensätzliche des früheren und des jetzigen Zionismus durchaus im klaren. Man weiß: Gedanken lassen Freiheit, Möglichkeiten idealistischer Konstruktionen, Absolutheit; und man sieht andererseits: Verwirklichen heißt Relativieren, Abwägen und Prüfen im Verhältnis zu Bestehendem, Messen an Vergangenem, heißt, sich einstellen auf konkrete Machtfragen und Wirtschaftsforderungen. Hat man aus dieser Erkenntnis klare, ehrliche Folgerungen gezogen; hat man die Kraft gehabt, sich zur Nüchternheit zu bekennen und auf Grund dieser Nüchternheit zu erziehen? Wobei ich bemerken möchte, daß dies durchaus nicht ein Erlahmen der Tatkraft, ein Nachlassen des idealistischen Schwunges in sich zu schließen braucht. Es gibt ^politische Richtungen, in denen sogar mit Dogmatik und Schematismus reale Verhältnisse analysiert werden, die Bedingtheit aller Faktoren, die zur Verwirklichung führen können, haarscharf, kühlwissenschaftlich für ihre Anhänger nachgewiesen werden; unbeschadet dieser Erkenntnis — und vielleicht gerade durch sie! — haben sie eine Fülle revolutionärer Energie, höchsten Einsatzes der Persönlichkeit zur Verwirklichung der Ziele in ihren Menschen erzeugt. Die Männer des neuen Rußland haben uns gezeigt, in wie hohem Maße sich klar-sachliche Einsicht und Begeisterungsfähigkeit vereinigen lassen. — Nicht nur ist notwendig für uns, so meine ich, die nüchterne Erkenntnis der gegenwärtigen Lage, ohne daß denjenigen, die daraus