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Der jüdische Student · 1922-03-01 · Heft 2 (März 1922) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
19 (1922)
Issue
Heft 2 (März 1922)
Date
1922-03-01
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
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66 Die Forderung des K. J. V. mindesten zu einem Teil durch die Charakterbildung des Kartells in ihrer zionistischen Lebenshaltunng bestimmt und zu zuverlässigen Trägern der Bewegung erzogen worden sind — im Gegensatz zu jenen angeblich „Besten, die dem Kartell längst den Rücken gekehrt haben", und von denen nirgends etwas im zionistischen Leben zu spüren ist. Diese Wirkung des Kartells ist heute, genau so wie früher oder noch mehr, eine zionistische Notwendigkeit. Sie ist, wie ein Vergleich mit anderen Organisationen zeigt — wie viel man auch am Kartell kritisieren mag —r auch heute die beste Art, menschliche Eigenschaften zionistisch zu gestalten. Das K. J. V. lebt von diesen Gedanken und wird niemals leben können, wenn es diesen Sinn seines Lebens verloren hat. Aber diese Aufgabe,, die dem Leben des Kartells Sinn gibt, besteht und wird bestehen, bis der Zionismus aus einem Plan Wirklichkeit geworden ist. Deswegen dürfen wir sagen: wer die Idee anerkennt, muß auch die Notwendigkeit anerkennen, sie durch die verbundene Gemeinschaft ihrer Anhänger zur Wirklichkeit zu führen. Er muß wissen, daß er kleiner ist als die Idee und die Gemeinschaft ihrer Anhänger, daß diese hinweggehen muß über jede Abweichung der Meinung und Stimmung, die sich nicht durchsetzen kann, und daß er trotzdem dabei bleiben, den Bestimmungen der Gesamtheit sich fügen muß. Denn er hat sich der Idee ergeben. Hier ist ein Punkt, bei dem uns — den „Staatsdienern", den „Unentwegten4 , den Inhabern anderer Adjektiva, die zeigen, daß wir, wie jeder Massenartikel, in unserer Vorschriftsmäßigkeit den vortrefflichsten Ausdruck unsres Wesens sehen — ein Werturteil über den Gegenstand dieses Kampfes um die Persönlichkeit gestattet sei. Als besonderer Ausdruck des Wertes der zu schützenden Persönlichkeit wird immer wieder aut ihre Jugendlichkeit hingewiesen. Aber, liebe Freunde, gerade hier habe ich Zweifel. Ist das wirklich Jugendlichkeit, die ängstlich, rechnerisch prüft, ob auch alle Möglichkeiten der Entwicklung, alle Anlagen zur Geltung kommen? Verfahrt Ihr nicht mit Euch genau sor wie Euer Onkel mit seinen „Anlagen", ist nicht Eure größte Sorge, daß Ihr Euch rentiert? Wäret Ihr jugendlich, dann könntet Ihr diese sorgsamen Bedenken nicht haben, dann müßtet Ihr imstande sein, Euch, mit Eurer ganzen Persönlichkeit, zu verschenken an eine Idee. Dann müßtet ihr wissen, daß Jugendlichkeit sich gerade darin zeigt, daß man sich ganz hineinstellen kann in einen Bund Gleichgesinnter für eine gemeinsame Sache. Seid Ihr dazu nicht imstande, dann kann das nur an der Mangelhaftigkeit der Idee liegen — über die wir unter Zionisten nicht zu sprechen brauchen — oder an Euch, die Ihr vielleicht nicht die Fähigkeit habt, Euch „zu ergeben". Ihr dürftet Euch auch nicht mit der kümmerlichen Bescheidenheit zufrieden geben, die, erstaunlicher Weise, Euren Zielen anhaftet. An anderer Stelle soll über das hierher gehörige Verlangen nach „Minimal - forderungen" gesprochen werden, hier sei auf eine andere charakteristische Erscheinung hingewiesen. Die von Holdheim mit Recht erhobene Forderung nach einer neuen jüdischen Gesellschaft, in der jüdisches Zusammenleben durch bestimmte menschliche Eigenschaften möglich gemacht werden soll, übernimmt Mayer, aber er beschränkt diese richtige Art des Zusammenlebens auf den Kreis seiner Gruppe. Er müßte doch merken, daß Holdheims Forderung dadurch jeden Sinn verliert. Ist es denn ein Ergebnis, wenn in einer Gruppe weniger, harmonisch aufeinander abgestimmter Menschen, „Takt und Disziplin, Achtung und Distanz, Beherrschung und nicht freies, ungezügeltes Walten" herrschen? Haben diese Eigenschaften nicht dann erst ihren Sinn, wenn sie sich in einem großen Kreise, in dem Gegensätze aufeinanderstoßen, bewähren? Erst in einem solchen Kreise zeigt sich doch die Fähigkeit zu gesellschaftlichem Leben, die Juden erwerben müssen, wenn sie eine jüdische Gesamtheit bilden wollen.

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