Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 2 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Die Forderung des K. J. V. Gegensätzlichkeit behaftet sein muß. Es stehen in dieser Diskussion aut der einen Seite Mensehen, die den Gedanken der Nation ganz verstanden, ganz in sich aufgenommen und zum Leitgedanken auch ihres persönlichen Lebens gemacht haben, und. auf der andern Seite solche, die sich weigern, anzuerkennen, daß sie sich, auch und gerade ihrer Persönlichkeit zuliebe, ganz in die Nation einordnen müßten. Um diese Differenz handelt es sich — wie sehr auch von der andern Seite beteuert werden mag, daß man den Gedanken der Nation sich genau so zu eigen gemacht habe, wie die „Unentwegten", wenn ein Gegensatz Zionismus—Pefsönlichkeit festgestellt und als inner-zionistisches Problem formuliert wird. Denn diese Formulierung steht im Widerspruch mit dem zionistischen Grundsatz, daß zur Lösung aller jüdischen Fragen, auch derjenigen der Persönlichkeit, die Errichtung der Nation den einzigen Weg bietet, daß also die Frage der Persönlichkeit nicht aus dem Zionismus herausfällt, sondern von ihm umfaßt wird. Es muß zur Begründung dieser Meinung ein kurzer Hinweis auf den unerschütterlichen Gedanken genügen, den der Zionismus seit jeher dem jüdischen. Individualismus vorgehalten hat: daß ohne die Erlösung des Volkes auch der einzelne Jude sich mit allen seinen Anlagen und Fähigkeiten niemals, vollenden kann, sondern verkümmert, zerrissen, -verzerrt bleiben muß, daß er daher immer weniger Persönlichkeit und immer mehr Karikatur wenden wird, bis die Möglichkeit eines Lebens in seinem Volk die Notwendigkeit von Verbiegungeh von ihm genommen hat. Woraus zu folgern ist, daß das Leben dieses Volkes die erste Aufgabe auch für den ist, der seine Persönlichkeit als ihm auferlegte Notwendigkeit empfindet, daß, also die Notwendigkeit des Zionismus über die Notwendigkeit des einzelnen Menschen zu stellen ist. Diese eiserne Erkenntnis, welche die Grundlage jeder zionistischen Betrachtung bildet, erledigt alle Forderungen, welche das Recht der Persönlichkeitv vor das Recht des Zionismus stellen, danach das Kartell umgestalten oder auf dieser Grundlage an ihm Kritik üben wollen. Aus diesem obersten zionistischen Grundsatz ergeben sich allerdings keineswegs die Folgerungen, die Mayer in' seiner Beschreibung des Kartells zieht, und die es leicht machen, die Befreiung der unterdrückten Persönlichkeit als notwendige Form der Erlösung von dem Uebel eines stumpfsinnig-knechtenden Obrigkeitsstaates — als welcher das K. J. V. dargestellt wird — zu proklamieren. Gibt es bei uns wirklich nichts als „Bevormundung von oben herab?" Entsteht bei uns, wie Mayer anzunehmen scheint, Zionismus, jede neue Bewährung zionistischer Anschauung, jede zionistische Handlung nur auf Befehl? Oder ist nicht bei uns, gerade wie er es erfordert, die Freiheit des Entschlusses die Grundlage unseres gemeinsamen Lebens? Wir haben nur eine einzige Macht, mit der wir^den freien Entschluß des Einzelnen motivieren können. Das ist die, Macht der Idee, der das Kartell dient. Mit dieser Macht treten wir denen entgegen, die noch nicht Zionisten sind, und * bestimmen sie, Zionisten zu werden. * Mit dieser Macht treten wir den Zionisten entgegen und verlangen von ihnen immer wieder, daß sie "sich am Zionismus .prüfen. Versagt diese x Macht, sind wir nicht imstande, den Einzelnen von der zionistischen Notwendigkeit zu überzeugen, dann haben wir keine Gewalt äußeren Zwanges, die ihn nötigen würde, den Willen der zionistischen Gesamtheit, auch gegen seinen Willen, als Motiv seines Entschlusess anzuerkennen. Und die Bildung des zionistischen Willens ist doch, gerade im K. J. V., keine Aufgabe weniger „Vormünder", sondern geschieht im freien Miteinanderwirken Aller, die dem Kartell etwas zu sagen haben. Die Stellung jedes Chargierten, jedes Präsidiums ist ausschließlich auf den freien Willen des Kartells gegründet. Jeder Träger eines Amtes im Kartell kann sich, sein Amt nur dadurch sichern »und immer wieder verdienen, daß er, ausschließlich durch zionistische Fähigkeiten, diesen freien. Willen für sich gewinnt und durch seine Arbeit ihm Ausdruck gibt'.