Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 2 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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'62 Neugestaltung des Kartells. Mit der Erziehung sub specie piofitica war notwendig das Erziehungssystem und der Aufbau der Institutionell verbunden^ wie sie das alte Kartell besaß. Es war ein System der Bevormundung, der sachlichen Erfüllung sachlicher Forderungen, es war eine starre, staatliche Organisation. Der Einzelne brachte seinen Befähigungsnachweis in der Erfüllung sachlicher Forderungen; seihe geistige Könnenschaft bewies er in Prüfungen. Das System ergab sich folgerichtig aus der politischen Leitidee. Eine Verneinung dieser Idee, eine glatte Umkehrung und Umwälzung erheischt auch einen ganz neuen Aufbau, ein. ganz neues System. Die neue Idee fordert Entscheidung des Einzelnen in allen zionistischen Dingen. Der Einzelne gebietet sich, nicht die Organisation gebietet ihm. Erziehung heißt jetzt: Selbsterziehung; ihr Schwerpunkt liegt also im Einzelnen, in ihm selbst, so weit er reif ist, für sich Entscheidungen zu fällen in offener Selbsterkenntnis und voller Ehrlichkeit 'gegen sich selbst. Bis dahin liegt die Erziehung bei denen, denen der junge Mensch sich frei angeschlossen hat, seinen Freunden, deren er bedarf, mit denen er sprechen muß, um weiter zu: kommen in seiner menschlichen Entwicklung, und die ihn genau kennen: in den Gruppen also, den Kreisen gleichgearteter Menschen. Die. innere Entwicklung des Einzelnen wird ihren zwangsläufigen Weg nehmen; nur Freunde können „schlummernde Kräfte lösen", und steter Verkehr, engstes Zusammenleben, eigenes Verantwortungsgefühl wü?d dafür sorgen, daß das einmal frei, aus sich Anerkannte, Gefaßte,. Erlebte zu einem stets gebietenden Bestandteil der moralischen: Persönlichkeit wird. Die notwendige Konsequenz der oben genannten neuen Grundidee heißt also: Gruppenzusammenschluß. Diese Gruppenbildung ist anarchisch; sie entsteht nicht auf Grund der gemeinsamen zionistischen Idee (wie die Verbindung), sondern von den persönlichen Problemen her. Es ist ein Zusammenleben homogener Menschen. Um den praktischen,, aktuellen zionistischen Forderungen aber nachzukommen, muß in diesen Dingen ein Zusammengehen auch mit heteronomen Menschen erfolgen, die zionistische Außenarbeit wird organisiert und beaufsichtigt werden in der lokalen Zusammenfassung dieser Gruppen: der Verbindung. Dieser Zusammenschluß ist auch nötig für die zionistische Arbeit; Erziehung fällt nicht in sein Gebiet. Erziehung zu jüdischen Menschen bedarf einer stärkeren Intensität als Erziehung zu Staatsdienern. Je enger die Einheit, um so unbedingter ist der Einzelne an das Ganze und das Ganze an den Einzelnen verwiesen, um so ernster ist Erziehung und Selbsterziehung möglich. Und in das Leben, die Tätigkeit dieser Freundesgemeinschaften gehören alle diese Erziehungsforderungen, die Holdheim in seinem letzten J.St-Artikel darstellte: Menschliche Durchbildung, Schaffung wahrer „Jüdischkeit", engstes Verbundensein von Mensch zu Mensch, freie Entwicklung und Auswirkung der Jugendlichkeit, ernsthafte, verantwortungsvolle Richtunggebung und Förderung Jüngerer, Takt und Disziplin: all das ist nur erfüllbar in engster, freigewählter Gemeinschaft. Achtung und Distanz wird hier herrschen, nicht plumpe Vertraulichkeit; Beherrschung und nicht ungezügeltes freies Walten. Man wird die unvermeidliche Disziplin mit der ebenso unvermeidlichen Achtung vor der individuellen Seele vereinen. Denn den Wert des andern wird man erkennen und ihn achten; man wird „Andersdenkenden gerecht werden können und sogar sich nicht scheuen, von ihnen zu lernen", und man wird von den andern Zionismus lernen. Aus freiem Selbstentscheid wird jeder ein zionistisches Werk tun. Seine Verantwortung wird größer sein, er selbst wird sich ernster nehmen; das bürgt für die Erfüllung der zionistischen Forderungen. Und hinter allem, über allem wird wieder freie Jugendlichkeit, wird die Erfüllung der eigenen Persönlichkeit als treibendes, begeisterndes, Dauer und Erfolg versprechendes Moment