Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 2 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Neugestaltung des Kartells. 61 das Eigenerleben und freiwillige Bejahen aus sich selbst heraus, aus dem allein Begeisterung, dauernder . Dienst und möglichste Erfüllung strömen kann. So sah die Erziehung, Stimmung und Leistung des alten Kartells aus. All das zu bejahen und an ihm festzuhalten, hätte bei Erkenntnis der Unzulänglichkeiten — die sich jedem, auch dem Präsidium, kundtat im krampfhaften Suchen nach „neuen Formen'6 — nur dann Sinn, wenn man keinen anderen, besseren Weg sähe, das Geforderte — zum größten Teil wenigstens — zu erreichen. Ich glaube, die Unmöglichkeit des jetzigen Kartells ist jedem durch Holdheims Worte deutlieh genug geworden, und eine ehrlichere Aufdeckung der Schwächen und eine tiefere Begründung, zugleich mit der Weisung neuer Möglichkeiten, kann ich mir nicht denken. Jedoch müssen wir das, was an die Stelle des alten Kartells treten soll, deutlicher zeichnen und jedem in aller Einzelheit eindringlicher klarstellen. Ursprüngliche Begeisterung und ganze Erfüllungswilligkeit können" wir nur dadurch erreichen, daß wir die Notwendigkeiten des einzelnen Mensehen über die Notwendigkeiten des Zionismus stellen. .Der Grund der unglücklichen Stimmung der K. J. V. er von heute liegt darin, daß sie sich selbst, ihre eigene Entwicklung und ihre eigenen Kräfte nicht aus vollem Herzen und in offener Ehrlichkeit bejahen können. Es bedeutet heute die Erfüllung der zionistischen Forderungen für den / Einzelnen notwendigerweise „eine Diskrepanz zwischen den ihm gesetzten Aufgaben und den eigenen Möglichkeiten". Die ernsten Forderungen des Zionismus, die an uns Westjuden notwendig von außen herangetragen sein müssen und nicht aus eigenster Entwicklung und Notwendigkeit stammen, sie lassen unsere Jugendlichkeit nicht sich voll entfalten. Jugendlichkeit — es ist das keine Phrase und kein Begriff, sondern eine naturnotwendige Stufe menschlicher Entwicklung — heißt Unbedingtheit, „Streben nach Ganzheit", heißt volle Erprobung und Entfaltung seiner Kräfte, aller Kräfte nach allen Richtungen und an jedem Stoffe. Es ist nur allzu selbstverständlich, daß dem Einzelnen nicht spontan erwachsene Forderungen einer Idee, die als Staatsidee die Unterwerfung jedes Einzelnen, seine Eingliederung und seine sofortige, ganz umgestellte Tätigkeit nach nüchternen und sachlichen Notwendigkeiten befiehlt, daß die Forderungen dieser Idee eine einseitige Richtung - gebung jugendlicher, unerprobter Kräfte bedeuten und zu Selbsttäuschung und Unbefriedigung führen. Anders, ganz anders, wenn man aus der vollen Erprobung seiner Kräfte heraus, im Bewußtsein seiner sicheren Richtung, die Idee aus sich, für sich bejaht und aus eigener, unbeeinflußter Einsicht die Forderungen der realen zionistischen Situation mit den Forderungen an die eigene Persönlichkeit verschmelzen zu können, überzeugt ist. An diesem Punkte erst ist die Entscheidung möglich, ob die Erfüllung der zionistischen Pflichten eine Unterdrückung des Persönlichen, Eigensten bedeuten oder ob sie ihm in harmonischer Einfügung die Unmöglichkeit voller Entwicklung und Auswirkung lassen, mit einem Worte, ob man — sozusagen .— das Ich dem Staate oder den Staat dem Ich unterordnen* soll. Dies ist die Gegensätzlichkeit vom alten und neuen K. J. V. Für mich besteht kein Zweifel, daß, wer es mit diesem Zionismus ernst meint, aus freier Entscheidung dazu kommen wird, von den zionistischen Geboten die zu erfüllen, die er irgend mit den Geboten seiner eigenen Persönlichkeit vereinbaren kann. Dies wird der Erfolg der Erziehung im neuen K. J. V. sein, und ich. bin überzeugt, daß es fruchtbarer, gesunder und beglückender sein wird, als der des alten K. J. V. Und in folgendem Sinne denke ich mir das neue K. J. V.: